Lektionen in Sachen Demut

Wenn man Kinder bekommt, dann ändert man ja zwangsläufig seine Ansichten.

Wo früher ein hübsches Babybett mit Himmel und nestchen stand, sieht man später nur eine massive Geldverschwendung.

Wo man früher immer frisch kochen wollte, ist man später froh, dass das Kind kalte trockene Nudeln isst.

Nur zwei Beispiele. 

Ausser das Lotte lieber Linsencurry als Nudeln isst und es bei uns in der Küche jetzt sehr häufig nach gewürzmarkt riecht. Verstehe das einer…

—-

Nun ist es so, dass ich einem Berufsstand angehöre, dem häufig nachgesagt wird, wird würden unser Geld mit Kaffee trinken und auf der Parkbank rumsitzen verdienen.

Ich bin nämlich Erzieherin.
Nicht aus Prestige oder Geldgründen und auch nicht, weil ich eine Sadistin bin (Entschuldigung aber Gehalt, Lärm und Arbeitspensum plus die Haltung vieler Eltern lassen eher eine masochistische Ader durchscheinen) sondern weil es irgendwie logisch war.

Dazu aber gesondert zu einem anderen Zeitpunkt mehr.

Jetzt stellt man sich mal vor, wie eine junge Frau mit Anfang 20 in den Beruf einsteigt, frisch von der Schule und begierig darauf endlich das gelernte praktisch anwenden zu können.

Und erstmal eine riesige, gigantische, schmerzhafte Schelle kassiert.

Es ist nämlich nicht so, wie es in der Schule gelehrt wird (ich habe meine Ausbildung 2001 in Berlin beendet), oh contraire mes amis und so.

Das erste was man nämlich verinnerlichen darf, ist die nette kleine Tatsache, dass man von nichts aber auch gar nichts eine Ahnung hat. 

Alles theoretische kann man mit Betonschuhen in der Spree versenken.
In einem billigen Teppich einrollen und auf der Mülldeponie… Ach lassen wir die Mafia Vergleiche..

Es gibt in meinem Beruf keine Schonfrist, keinen Welpenstatus.

Man kommt in die Einrichtung, bekommt ein „paar“ Kleinkinder in die Hand gedrückt und muss dafür sorgen, dass diese Kinder lebendig und zufrieden am Nachmittag den Eltern zurückgegeben werden.

Und nun kommen wir zur Arroganz die eine junge, kinderlose Erzieherin (also ich) an den Tag legt.

Ich war die geilste. Frisches Schulwissen, Erkenntnisse der neusten Studien über die Bindungstheorien und Bedürfnisse der 3 -6 jährigen.

Total anwendbar auf ein 9 Monate altes Baby mitten in der Fremdelphase.

Nicht.

Krippenpädagogik war in meiner Ausbildung ein Randthema.
Wir alle wollten lieber mit Schulkindern, besser noch Jugendlichen arbeiten.

Wer braucht schon (klein)Kinder?

Wie gesagt, es gibt keine Schonfrist. 

Nach der ersten Eingewöhnung, die man selbst durchführen muss, ist man erstmal Urlaubsreif.

Wenn man Glück hat, so wie ich, ist die erfahrene Kollegin eine alte DDR Krippenerzieherin, die einen unter die Fittiche nimmt und zeigt, wie es geht.

Dazu gehört auch das professionelle Lästern über Eltern. Ja, das war toll.

Kein Wunder, dass Jeremy so ist, bei der Mutter.
Boah, jetzt guck dir das an, Mandarine-clementine hat beim abholen schon wieder eine Tüte Gummibärchen bekommen.
Mit 4 Jahren noch Buggy? Da braucht man kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass Lorenzo irgendwann zu dick wird…

Und der mit Abstand schlimmste..

„Warum schafft man sich Kinder an, wenn man sie den ganzen Tag abschiebt?“


Vielleicht musste ich mich irgendwie abgrenzen, vielleicht brauchte ich ein Ventil bei dem Stress, am wahrscheinlichsten ist aber…

Ich hatte einfach keine Ahnung.

Nun vergehen ein paar Jahre und nach Jobwechsel wegen Mobbing und einer halbjährlichen Zwangspause wegen Burnout (zu dem Zeitpunkt war ich gerade 26) bin ich gerade wieder drei Wochen im Beruf als ich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halte.

Joa. Single und schwanger. Berlin Klischee, ick hör dir trapsen.

Naja, freuen konnte ich mich nicht. Dazu war ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt.

Ich habe ganz lange gebraucht, mich damit anzufreunden, Mutter zu werden.
Alleinerziehende Mutter.

Ich habe damals hin und her überlegt, wie ich arbeiten muss, damit ich die kurze und mich über die Runden bringen kann.

Zuhause bleiben war nämlich keine Option, da ich große Altlasten aus einer alten Beziehung mitschleppte.

Und da kommt Karma mit großen Schritten und lächelt mir ins Gesicht…
Hab ich nicht selbst gesagt, „wozu schafft man sich Kinder an, wenn man sie den ganzen Tag abgibt?“

Doch, doch, ich erinnere mich.

Das Großmaul war ich.

Und jetzt arbeitete an meinem Schmerzlimit mit 38 std, weckte Lotte um 6 Uhr morgens, damit ich sie als erste in den Frühdienst um 7:30 Uhr geben konnte um dann zur Arbeit zu hetzen. Nach Feierabend hetzte ich zurück und holte Lotte als eine der letzten ab.***

So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Gottseidank hatte ich meine Mutter und auch der Vater (mit dem ich ja inzwischen wieder zusammen bin) kümmerte sich so oft es ging.

Häufig genug aber fiel ich abends einfach nur noch auf die Couch und war fertig mit mir und der Welt.

Ganz ehrlich, für meine Überheblichkeit und Arroganz habe ich ziemlich gut bezahlt.

Der Spruch „warum schafft man sich Kinder an… “ ging und geht mir nicht mehr über die Lippen.

Ich verurteile niemanden mehr, der sein Kind abgibt. Egal aus welchem Grund.

Denn man sollte niemals urteilen, wenn man nicht einen Meter in den Schuhen des anderen gelaufen ist.

Kuss auf die Nuss
Ainfean.

***inzwischen geht (seit Dez’15) Lotte in meine Einrichtung und darf länger schlafen. Auch habe ich meine Stunden auf 34 Std reduziert und durch das Beschäftigungsverbot aufgrund meiner Schwangerschaft bleibt sie häufig zu Hause und geht ansonsten von 9- 14 Uhr in die Kita. Und ich habe sie bei Leuten, denen ich blind vertraue.

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2 Kommentare zu „Lektionen in Sachen Demut

Gib deinen ab

  1. Der Artikel hat mir gut gefallen und ich geh völlig mit dir d'accord.
    Schade fand ich dann dein Sternchen, denn da fängst du dann doch an, dich zu rechtfertigen und alles damit zu relativieren.
    Maria

    Gefällt mir

  2. Wo wird es relativiert?
    Die betreuungssituation hat sich für meine kurze und mich gebessert, warum sollte ich das verschweigen?
    Meine Erfahrungen bleiben trotzdem, sie verschwinden nicht mit einer Änderung im Leben 🙂

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