Born at Home – Willkommen Herbstmädchen – ein Geburtsbericht

Freitag Abend 28.10.16 irgendwo im Süden der Hauptstadt.

Ich liege auf der Couch und warte auf Harry Potter und den Gefangenen von Askaban.

Die, die mich persönlich kennen, wissen, dass ich diesen bebrillten Nerd jeder Party vorziehen würde. Abgesehen davon gibt es keine Party für mich. Nicht in meinem Zustand. Seit Tagen habe ich immer wieder Wehen. Unangenehm und stark aber blöderweise unregelmäßig.

Es gibt Tage an denen ich zwei Mal bade, in der Hoffnung, dass sie regelmäßig werden. Aber spätestens zum schlafen gehen ist wieder Schicht im Schacht.

Motte lässt sich Zeit und langsam bezweifle ich, dass sie zum errechneten Zeitpunkt da ist.

Ich hab schon Bammel davor, mein Kind doch in der Klinik zur Welt zu bringen, zu holprig war die Reise bis zu diesem Punkt.

Mein Ehrgeiz ist geweckt, ich will diese Hausgeburt so sehr, dass ich mich geweigert habe, eine Kliniktasche zu packen.

Stattdessen steht alles für die Hausgeburt bereit.

Und nun ist Freitag, der 28.10.16 und ich liege hier und lasse mich von Harry und Dumbledore berieseln.

Die Wehen beachte ich garnicht, erstens sind sie irgendwie immer da und zweitens habe ich noch ein paar Tage bevor ich nervös werden muss.

Lotte schläft bei Oma, mein Mann hat Spätschicht und so geniesse ich den Abend ganz für mich alleine.

Später erreicht mich noch eine Nachricht, dass er noch mit einem Kollegen etwas trinken geht und mein einziger Gedanke dazu ist, dass er bitte nicht knülle wie eine Haubitze nach Hause kommt, sollte es doch heute los gehen.

Während Radeberger mir nochmal erzählt, dass ich nur diesem Gesöff mein Date mit Harry verdanke, beschliesse ich, nochmal die Wanne zu besuchen.

Das Wasser tut gut und während ich mir noch einen Badewannenlift wünsche, verschwinden die Wehen und ich lasse mich so lange einweichen bis ich kaum noch die Augen aufhalten kann und das Wasser kalt wird.

Ich steige aus der Wanne und betrachte mich im Profil.
Das ist ein Bauch. 

Ich weiß schon gar nicht mehr wie ich vor dieser majestätischen Murmel aussah, das einzige was ich weiß ist die Tatsache, dass mir keine und wirklich keine Klamotten mehr passen.

40 Kilo habe ich zugenommen in diesen fast 40 Wochen.

Abtrocknen und anziehen.
Ich lege mich hin, ich bin so müde.

Ich liege kaum zehn Minuten im Bett, da wird mir klar, dass ich heute keinen Schlaf finden werde.

Auf einmal bin ich unglaublich nervös und unruhig. Mein Mann ist noch nicht zuhause also bereite ich das Wohnzimmer alleine vor.

Schiebe den Tisch zur Seite.
Koche Kaffee (nicht zum trinken).
Lege die Handtücher bereit.
Zünde Kerzen an.
Laufe hin und her.
Lade eine Wehenzählerapp runter und stoppe die Zeit.

Lustigerweise bin ich immer noch der Meinung, dass es noch ein paar Tage dauern wird. Ich bin felsenfest davon überzeugt, diese ganze Umräumaktion wäre unnötig und ich könnte gleich ins Bett gehen.

Trotzdem rufe ich meinen Mann an und Frage wo er ist. Es ist 0:46 als ich ihn an der Strippe habe.

Er ist am Mehringdamm und braucht noch eine Viertelstunde.

Der Wehenzähler stoppt fröhlich weiter. Ziemlich exakt alle acht Minuten.
Nicht schmerzhaft, halt einfach da.

Ich tigere durch die Wohnung und schaue immer wieder aus dem Fenster.

Als mein Mann endlich nach gefühlten Stunden da ist, nehmen wir uns erstmal in die Arme.

So langsam glaube auch ich, dass heute noch was passiert.

Ich packe mich zurück auf die Couch, während mein Mann mit dem Hund eine Runde um den Block geht. Um 1:15 Uhr rufe ich meine Hebamme an und sage ihr das es los geht.

Zur Ablenkung schaue ich the Walking Dead und beschwere mich gedanklich über die unglaublich schlechte Synchronisation.

Bald ist Luna die Hebamme da und ich bin froh, dass es doch zuhause passieren wird. Das Malervlies liegt überall bereit und ich werde an den Wehenschreiber gestöpselt.

Da sitzen wir nun, Luna, mein Mann und ich und gucken Menschen dabei zu, wie sie nur allzu menschlich sind und sich gegenseitig umbringen. Standard Samstag Nacht.

Noch ist soweit alles tutti. 

Meine Wehen werden stärker und ich fange an sie leise zu veratmen. Mein Freund holt mir das Stillkissen aus dem Schlafzimmer, in das ich meine Finger kralle und vor mich hin stöhne.

Luna schaut nach meinem Muttermund und ruft die zweite Hebamme an, da ich schon sieben Zentimeter weit offen bin.

Ich gehe auf die Toilette, damit es später keine böse Überraschung gibt und habe inzwischen gefühlt jede Minute eine Wehe. 

Ich bin dankbar dafür, dass ich das Buch über Hypnobirthing gelesen habe und die Atemübungen mir helfen, fokussiert und klar zu bleiben.

Zurück im Wohnzimmer knie ich mich vor die Couch und atme weiter. 

Anfassen darf mich niemand mehr.
Ich bin froh, dass ich noch klar denken kann und ich bin froh, dass es nicht mehr lange dauern wird. Es ist 2:50 Uhr morgens, am 29.10.16.

Ich muss nochmal auf die Toilette und Luna ermahnt mich, bloß nicht zu pressen. Wieder eine Wehe, immer heftiger wird der Druck nach unten.

Ich lege mich auf die Couch, halb auf dem Rücken, halb auf der Seite.

Mein Tee wird kalt. Wann hat ihn mir mein Mann gemacht? Ich weiß es nicht mehr.

„Ich muss. Motte kommt.“ flüstere ich.

Ich spüre keinen Schmerz, sondern einen immensen Druck nach unten.

Links der Couch sitzt mein Mann auf Lottes rotem Stuhl und hält mir die Hand. Rechts von mir sitzt Luna und drückt mir einen Lappen mit warmen Kaffee in den Schritt.
Damit reißt der Damm nicht so schnell oder nicht so heftig.

Ich muss brüllen, ich kann garnicht anders. Die erste Presswehe.

Ich bin komplett klar im Kopf und spüre mein Kind im Geburtskanal, frage ob der Kopf schon da ist?! Ob mein Mann ihn sehen kann?

Die zweite ist noch heftiger, es ist kein Schmerz im klassischen Sinne, es ist eine Naturgewalt. Ein unglaublicher Druck. So stark und instinktiv.

Ich brülle auch hier. Der Kopf kommt und die Fruchtblase ist noch intakt.

Luna sagt mir, bei der nächsten soll ich nicht brüllen, sondern die Kraft nach unten leiten.
Das tue ich.

Ich liege auf der Couch, stemme beide Füße in die Seiten meines Mannes und meiner Hebamme und presse nach unten.

Ein Knall und die Fruchtblase platzt, das Wasser ergiesst sich unter mich und auf den Boden. Motte schießt quasi aus mir raus und liegt zwischen meinen Beinen.

„Legt sie sich auf die Couch und kriegt eben mal ein Kind“ höre ich Luna sagen.

Wie im Rausch betrachte ich mein Kind.
Sie schreit nicht, sondern wackelt etwas mit den Ärmchen.
Ich glaube, sie hat selbst noch nicht realisiert, dass sie bereits geboren ist.
Dann brüllt sie los und ich begrüße sie. Ich weine und bin so verdammt glücklich, mein Körper sprudelt nur so über vor Glückshormonen. Es ist 3:15 Uhr am Samstag Morgen.

Mein Mann guckt wie ein Pferd. Kann es selbst kaum glauben, dass sie da ist.

Sie ist da und ich kann es kaum glauben. 

Voller Käseschmiere liegt sie auf mir. Sie hat schwarze Haare. Sie hat eine starke Stimme. Sie ist perfekt. 

Durch den immensen Druck hat sie das Mykonium, den ersten Stuhl, ins Fruchtwasser abgegeben, wodurch das Wasser grün war.

(Um abklären zu lassen ob alles mit ihr in Ordnung ist, müssen wir wenige Stunden später doch noch in die Klinik. Es ist alles gut, Motte hat lediglich leichte Anpassungsschwierigkeiten, da sie so schnell kam)

Es klingelt an der Tür und ich befürchte, dass es der Hausmeister ist, da ich doch ziemlich laut war. Aber es ist die zweite Hebamme. Ich habe sie vollkommen vergessen.

„Hat einer mal nachgeguckt ob es tatsächlich ein Mädchen ist?“ fragt mein Mann mal zwischendurch scherzhaft.

Die Plazenta wird eine Stunde später geboren. Die ganze Zeit über blieb Motte an der Nabelschnur und auf meiner Brust.

Ich bin doch etwas gerissen, die alte Narbe von Lottes Geburt und werde genäht.
Motte liegt auf Papas Brust und quietscht vor sich hin.

Mein Mann hat irgendwann zwischen Plazenta und nähen seine Eltern und meine Mutter informiert.

Wir sind komplett.
Er, ich, Lotte und Motte machen uns als Familie komplett und für uns perfekt.

Das war meine letzte Schwangerschaft.

Eine Woche später


Während Harry beim trimagischen Turnier mit Edward dem Glitzervampir sein Leben riskiert, liegt Motte auf mir und atmet ruhig. 

Lotte schläft.
Es hat sich so vieles verändert und doch ist alles gleich geblieben.

Wenn man mir vor vier Jahren gesagt hätte, dass ich zwischen Autonomiephase und Stillstuhl glücklich sein würde, ich hätte gelacht und noch einen Tequila Sunrise bestellt.

Es war ein langer und steiniger Weg bis hierher und noch ist kein Ende in Sicht. Das Abenteuer fängt gerade erst an.

Fazit der Hausgeburt


Es hat schon was sein Kind zuhause zu bekommen.
Ich muss ehrlich zugeben, Ich hätte mir diesen „Luxus“ nicht geleistet, wenn ich nicht in einem „Klinik-Dreeick“ wohnen würde.

Es ist durch die Hebammensituation auch nicht mehr einfach, eine Hebamme für diese Art der Geburt zu finden und in Zukunft wird sich die Situation noch eher verschlechtern.

Meine Hebamme bietet diese Leistung auch nicht mehr ganzjährig an, da die Versicherung einfach zu hoch ist.

Eine Geburt kann wie bei mir sehr leicht über die Bühne gehen und trotzdem können unerwartete Ereignisse dazu führen, dass man trotzdem in die Klinik verlegt werden muss, dieses „Risiko“ muss einer Frau bewusst sein.

Würde ich nochmal zuhause gebären?


Keine Ahnung um ehrlich zu sein.
Als ich mit Lotte schwanger war, hatte ich bis auf Sodbrennen keine Beschwerden, war aber emotional einfach nur fertig und froh, dass ich jegliche Verantwortung in die Hände der Klinikhebamme legen konnte.

Die Schwangerschaft mit Motte war körperlich extrem anstrengend, emotional war ich aber ausgeglichen.

Die Hausgeburt war ein Wunsch, den ich mir nur erfüllen konnte, weil ich selbst über mich bestimmen konnte und mir keiner in diese Entscheidung reingeredet hat.

Ich wollte diese Geburt friedlich haben und das war sie. Keine Störfaktoren und niemand der sich unnötig reingedrängt hat.

Ich wollte nicht angefasst werden, ich wurde nur einmal vaginal untersucht und ansonsten lief alles in dem Tempo, dass ich vorgegeben (oder eher mein Körper) habe.

Ich kann jeder Frau empfehlen, sich entweder bei einem Hypnobirthing Kurs anzumelden oder das Buch zu lesen. Egal wie und wo man sein Kind bekommen möchte.

Ich ging ruhig und zuversichtlich in die Geburt und die Übungen, die Worte halfen mir Kopfmensch, sich komplett auf die Geburt einzulassen und meinem Körper zu vertrauen.

Wir kuscheln jetzt noch eine Runde und geniessen den Herbst.

Roksana

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3 Kommentare zu „Born at Home – Willkommen Herbstmädchen – ein Geburtsbericht

  1. Glückwunsch zum zweiten Baby! Hört sich nach einer Traumgeburt an – so muss das sein 🙂

    Finde toll, dass bei dir die Hausgeburt gut geklappt hat. Auch deine Einstellung kann ich nachvollziehen. Am Ende kanns eben trotzdem in die Klinik gehen und das ist bei Komplikationen auch verdammt wichtig, sich darüber im Klaren zu sein.

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