Fummeln mit Fremden

Ich hab mal einer Frau ins Gesicht gefasst. Bei Aldi. An der Kasse.

Ich kannte sie nicht und werde sie auch nicht mehr kennenlernen, denn bei ihrer anschliessenden Schimpftirade konnte ich ihr meine Telefonnummer leider nicht mehr zustecken. Schade. Sie wirkte so nett.

„WAT GLAUBENSE WAT SIE MACHEN? FASSEN SIE MICH NICH AN, SIE BLÖDE KUH!“ zeterte sie mir in mein Gesicht.

Empört darüber, dass ich ihren Tanzbereich betreten habe, bezahlte die nette Dame und stapfte davon. Immer noch schimpfend.

Komisch, dachte ich. Ich dachte das wäre so Brauch bei Aldi. Andere zu streicheln. Spontane Kuschelflashmobs zu veranstalten. Leute zu berühren, die einem vollkommen fremd sind.

So wie die Dame es auch getan hat. Sie hat mein Kind ungefragt ins Gesicht gefasst und die kurze gestreichelt. Das sich meine Tochter weggedreht hat lag bestimmt nur an der Orkanböe, die spontan durch den Laden fegte. Bestimmt nicht daran, dass jemand fremdes ihr zu nah kam.

Und da ich mich an die Geflogenheiten anpasse, getreu dem Motto „wenn du im Rom bist…“ wollte ich diese nette Geste erwidern und schluckte meinen ersten Reflex – nämlich die Frau mit meiner übermüdeten und dunnhäutigen Art zuzumotzen – herunter und streichelte sie sanft mit meinen Fingerrücken über die Wange. Wie ich es bei einem Katzenbaby machen würde.

Woher sollte ich denn wissen, dass ich damit ihre persönlichen Grenzen überschreite? Ich kleines Dummerle. Ich dachte, die Regeln gelten nicht mehr, wenn man sie ungefragt überschreitet. 

Aber vielleicht hat es sie auch nur irritiert, dass ich dabei „duziduzi“ geträllert habe. Ja, die eigene Medizin zu spüren, tut nicht jedem gut.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark wie Magneten in den Wangen der Kinder sind. Nicht nur Tomatensoße und Schokolade haften daran wie mit Pattex befestigt, nein sie ziehen selbst Hände von Leuten an, die nur kurz rüberschauen.

Als ob man ein leuchtend rotes Neon Schild auf der Stirn der Kinder befestigt hat „Fass mich an“.

Die Dame kann von Glück reden, dass meine Tochter kein Beißer ist.

Jeder Mensch hat sein Recht auf einen eigenen Tanzbereich, auch Kinder. Besonders Kinder, denn die kleinen lernen erst, die Tanzbereiche anderer Leute zu achten.

Ich hab kein Problem damit, wenn Lotte von sich aus jemandem die Hand reicht oder sich in der Ubahn, im Bus oder in der Warteschlange eines Supermarktes mit jemandem unterhält. Das freut meist alle Beteiligten.

Ich habe aber ein Problem mit Leuten, die es als selbstverständlich erachten, dass Kinder angefasst werden. In dem Augenblick ist es mir egal, wie freundlich es gemeint sein kann. Dreht mein Kind den Kopf weg, dann ist das die einfachste Form von „Ich will das nicht. Lass das.“

Dann komme ich ins Spiel und schütze mein Kind. Das ich dabei Spaß habe, ist nur die Sahnehaube.

Denn eine Sache möchte ich klarstellen.

Werden die Grenzen meiner Kinder nicht gewahrt und respektiert, kann es passieren, dass ich entweder zum Hulk mit Brüsten mutiere oder denjenigen grenzdebil anlächle und ihm mit aller Zärtlichkeit über das Gesicht streichle.

Im Klartext. 

Fass mein Kind an und ich fasse dich an.

(Uuuuh, der letzte Satz klingt gefährlich.)

Man kriegt das Mädchen aus Neukölln aber nicht Neukölln aus dem Mädchen. 😛

Roksana

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