Tabubruch

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Ich hab für meine Verhältnisse lange überlegt, ob ich etwas dazu schreiben soll, was ich die letzten Monate und speziell die letzten Tage miterlebt und beobachtet habe. Ich überlege meistens nicht lange und schreibe häufig einfach darauf los auch wenn ich das geschriebene erst einmal sacken lassen muss bevor ich für oder gegen ein Veröffentlichen entscheide. Auch diesmal war das der Fall.
Als ich angefangen habe meine Texte und Gedichte zu veröffentlichen, war mir von Anfang an bewusst, dass ich mich damit auch irgendwie verletzbar mache. Ich, die meistens ein Gesicht zur Schau trägt, das bestenfalls als desinteressiert interpretiert werden kann. Die nicht viel spricht und wenn, dann Blödsinn erzählt um die Mauer nicht bröckeln zu lassen. Diese Fassade fiel online, alles was ich schreibe, kann von jedem den es interessiert, gelesen und bewertet werden.

Mit der Zeit fängt man an zu überlegen, was man von sich preisgeben will. Besonders jetzt, in meiner kleinen Mama/Eltern Bloggerblase fällt es auf, wie schnell es passieren kann, dass man sofort und ohne Blinzeln verurteilt wird.

Sei es stillen, nicht stillen, tragen, Kinderwagen, bio, vegan, eigenes Bett oder Sex in der Küche, Kaiserschnitt oder Lotusgeburt. Egal, welches Thema, es gibt Menschen, die sofort die virtuellen Tomaten rausholen und einen damit bewerfen. Als ob man auf einem Holzkarren zum Scheiterhaufen gefahren wird, den brüllenden Pöbel in den Ohren. Gut, es gibt genug Leser die nicht so sind, die das gelesene erst einmal sacken lassen und für sich reflektieren wollen. Die ihren ersten Impuls runterschlucken. Die anderen aber sind lauter. Agressiver. Beschimpfen einen entweder in der Kommentarspalte oder per Privatnachricht. Verhöhnen die, die ähnliche Gedanken haben wie im Artikel beschrieben oder werden ausfällig. Ich gehöre selbst zu den Leuten, die gerne und viel fluchen, mir würde es aber im Traum nicht einfallen, jemandem seine Menschlichkeit oder seine Gefühle absprechen zu wollen. Ich versuche mich in den Autor eines Beitrags hineinzuversetzen oder es objektiv zu lesen. Meistens zweiteres, denn ich bin echt schlecht darin, andere Menschen zu lesen und zu interpretieren, online ist das wegen der fehlenden Mimik und Gestik praktisch unmöglich (im realen Leben fällt mir das schon extrem schwer).

Natürlich lesen wir alles so, dass wir es mit uns selbst verknüpfen, mit unseren Erwartungen und Erfahrungen. Ein Text über Depressionen löst in mir mehr aus, da selbst betroffen als ein Text über High Heels, den ich rein informativ lesen würde. Ich erlaube mir keine Urteile über Menschen die beispielsweise anders gebären, denn solange ich nicht in ihren Schuhen gelaufen bin, kann ich nicht mehr sagen als „es ist dein Weg, es sind deine Gefühle“. 

Das ist besonders schwierig bei so genannten Tabuthemen wie einem Schwangerschaftsabbruch oder fehlenden Gefühlen für das Baby (geboren oder ungeboren). Da fühlen sich viele getriggert, weil ihr eigener Kinderwunsch jäh begraben werden musste oder sie ein Kind verloren haben. Auch diese Gefühle sind wichtig und richtig, hineinfressen hilft in dem Fall niemanden. Wenn über solche Schwierigen Themen geschrieben wird, dann sollte man (ich, du, wir alle) erst einmal durchatmen. Der Autor will in den seltensten Fällen jemanden kränken, in den allermeisten Fällen ist es ein Ruf nach „bin ich allein damit? Geht es jemandem ähnlich?“, quasi ein Hilferuf. 
Oft genug macht es auch den Eindruck, dass vor allem die richtig bösartigen Kommentare von Leuten kommen, die die gängigen gesellschaftlichen Anforderungen so sehr verinnerlicht haben, dass ihnen ein anderer Blickwinkel völlig unverständlich und verachtenswert erscheint. Muss das sein? Man kann seine Kritik immer konstruktiv verpacken. Beleidigungen sind niemals konstruktiv.

Bleibt die Frage, was wir von uns preisgeben wollen. Muss jedes Thema angesprochen werden?

Andererseits.

Jedes gebrochene Tabuthema hatte seinen Anfang bei jemandem, der mutig genug war seine Gedanken öffentlich zu machen. In dem Fall auf „Enter“ zu drücken und die virtuellen Tomaten zu ertragen.

Roksana

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