Kindheitserinnerung – ein Haus voller Frauen

Als ich in der dritten Klasse war, fuhren wir nach den Weihnachtsferien nicht nach Hause.

Meine Mutter, meine Schwester und ich fuhren in einen mir unbekannten Stadtteil in Berlin und warteten an der Haltestelle. Nach einer Weile kam eine Frau auf uns zu und begrüsste meine Mutter. Sie hatte kurze Haare und trug einen schwarzen Mantel. Sie nahm meiner Mama eine Reisetasche ab und wir gingen los.

Ich war neugierig. Etwas Angst hatte ich auch aber die Neugier war stärker. Wir liefen an Villen vorbei, es war dunkel und die Strassenlaternen beleuchteten den Schnee. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob gesprochen wurde oder ob wir vier still waren auf dem Weg. 

Vor einem riesigen Tor blieben wir stehen. Die kurzhaarige Frau klingelte und das Tor summte. Hinter diesem Tor stand eine riesige Villa und wir gingen die Auffahrt hoch.

Im Haus bot sich ein fantastischer Anblick, meterhohe Decken, Stuck, eine Eingangshalle wie aus Cinderella. Wir gingen in einen großen Saal, in dem in einer dunklen Sofaecke mehrere Frauen zusammensaßen und redeten. Meine Mutter ging zusammen mit Bine*, der kurzhaarigen Frau durch eine Tür und wir Kinder warteten im Saal bei den Frauen. Bald kamen sie zurück und wir folgten Bine eine kleine Treppe bis zu Dachgeschoss. Den ganzen Flur hinunter bis zu einem kleinen Zimmer. 

Zwei Hochbetten standen dort und ein rundes Fenster gab es. In der Mitte des Raumes stand ein einfacher Tisch. Schmale Kleiderschränke zum Abschliessen.

„Kommt erstmal an“ sagte Bine. „Morgen zeig ich euch alles und die Hausordnung besprechen wir dann.“ Damit verliess sie den Raum.

Dieses Zimmer war unser neues Zuhause für die nächsten Monate.

Ich schlief oben. Ich hatte eine kleine Lampe an der Wand neben mir und mein Kuscheltier.

Das Haus war riesig. Am nächsten Tag bekamen wir eine „Führung“. Unser Stockwerk war früher einmal das Stockwerk der Bediensteten, es führte nur eine schmale Wendeltreppe hoch. Es gab eine kleine Teeküche und ein Gemeinschaftsbad. Unser Zimmer war das kleinste, gehörte aber praktisch nur uns. In den anderen Zimmern wohnten mehrere Frauen mit ihren Kindern, bei uns waren es nur wir drei und später noch eine junge Polin mit ihrem Baby.

Im Keller des Hauses gab es einen Raum, in denen sich Kleider- und Schuhspenden bis unter die Decke stapelten. Die Schlittschuhe von dort besitze ich noch heute. Auch eine Vielzahl von Büchern habe ich von dort, Hanni und Nanni beispielsweise. Im Keller befand sich noch der Schuki, der Schulkinderkeller. Im riesigen Vorraum stand ein Trampolin und auf der Decke direkt darüber hatten schon unzählige Kinder ihre Handabdrücke draufgestempelt. Es gab einen Verkleidungsraum und einen Raum, wie er in jedem Hort vorkommt. Dort habe ich meinen Geburtstag gefeiert. 

Unsere „Erzieherinnen“ waren drei Frauen, allesamt ähnlich in ihrem Stil. Sie trugen derbe Hemden, Jeans und raspelkurze Haare. Jahre später fragte ich eine Mal ob sie lesbisch wäre und auf ihr „joa“ antwortete ich mit „achso, deswegen die kurzen Haare“.  Ich habe erst relativ spät gelernt, was lesbisch und schwul bedeuten. Mir war es eh egal, die Frauen waren lieb zu uns Kindern und damit hatte sich die Sache.

Die Hausordnung war streng aber sie musste so sein. Ich weiß nicht, wie viele Frauen dort lebten, es gab insgesamt drei Stockwerke und unzählige Zimmer in allen Größen. Manchmal wurden wir Kinder aus dem Saal geschickt, wenn beispielsweise eine Frau ankam, die grün und blau geprügelt wurde. Wir Kinder sollten das nicht sehen. Irgendein Kind schlich sich trotzdem so weit es ging dahin und versuchte einen Blick auf die Neue zu werfen. Wir hörten auch Geschichten, wenn die Frauen sich unterhielten und reimten uns den Rest zusammen. Manche Frauen verliessen so gut wie nie ihr Zimmer, andere weinten häufig. Manche kamen mehrmals ins Haus. Es gab welche, die kein Wort Deutsch sprachen.

Jede Bewohnerin hatte ein paar Mal im Monat Telefondienst.Dann saß sie zusammen mit anderen Frauen im großen Saal und wartete auf Anrufe. Von anderen Frauen, die Hilfe brauchten. Wir Kinder schliefen dann schon oder waren in der Schule.

Eine Regel besagte, dass wir niemandem verraten durften wo wir wohnen. Es gab ein Klingelzeichen, welches sich alle einprägen mussten, nur dann wurde das Tor geöffnet. Nach der Schule mussten wir sofort zurück und am besten auch nur in Gruppen. 

Wir Kinder hatten viel Spaß in der riesigen Villa. Wir spielten Verstecken im ganzen Haus über alle Stockwerke.

Unser liebstes Spiel war folgendes: Wir nahmen Babybadewannen, setzten uns rein und rasten wie die Bekloppten die große Haupttreppe runter. Bis einer heulte, im wahrsten Sinne. Oder wir rannten durch das Haus und taten so als wären Dinosaurier hinter uns her. So hoch wie die Decken waren, kam es uns ganz logisch vor, dass ein Dino leicht ins Haus passt.

Den Garten habe ich geliebt. Er hatte etwas märchenhaftes, wild wuchernd und leicht mystisch. Im Sommer war der Rasensprenger an und wir Kinder sprangen solange darunter rum bis wir komplett schrumpelig waren. Wir versteckten uns in den Büschen oder beobachteten unsere „Nachbarn“ beim Bogenschiessen.

In den Sommerferien fuhren wir mit dem Schuki nach Bayern, quasi eine Klassenfahrt. Wir wohnten irgendwo auf dem Land und unternahmen mit dem Bulli kleine Ausflüge. Oder wir sammelten Walderdbeeren. Das Haus war wunderschön und die Frau, der das Haus gehörte stellte uns ein Planschbecken hin. Eines Morgens saßen die Gänse drin und ließen sich nicht vertreiben. Es gab Lagerfeuer und Nachtwanderungen. Die ganze Zeit über versuchte ich einen Platz zu finden, an dem ich die Hängematte befestigen konnte, fand aber keinen. Einmal markierte der kleine Hofkater sein Revier und es stank einfach nur bestialisch.

Irgendwann war unsere Zeit im Haus vorbei. Wir zogen nach Kreuzberg in eine für mich komplett andere Welt. Die riesige Villa, der Garten und der Schuki waren Vegangenheit. Wir besuchten das Haus noch ein paar Mal und gingen auch auf eine Demo aber irgendwann war auch das vorbei.

Dieses Haus gibt es heute nicht mehr. Also das Haus steht noch aber es ist kein Schutzraum mehr. Wie lange wir dort gewohnt haben, weiß ich nicht. Ziemlich lange.

Es war eine merkwürdige Zeit. Sie war schön, es gab tolle Sachen die wir erlebt haben aber sie war auch traurig. Alle Kinder die dort mit ihren Müttern lebten, haben Dinge erlebt und gesehen, die kein Kind sehen und keine Mutter erleben sollte. Das Haus war unser Schutz. Der Schuki unser Hauch von Normalität in einer Zeit von traumatischen Ereignissen. Ich bin dankbar dafür, dass die Frauen uns Kindern soviel Gutes getan haben und wir dort einfach nur Kinder sein konnten.

Die Zeit prägt einen. Wenn ich heute noch in den Bezirk fahre, dann kommen viele Gefühle in mir hoch. Viele Erinnerungen, die eigentlich begraben sind. Die meisten sind schön.

*Bine hieß anders. 

Frauenhäuser gibt es seit nun mehr 41 Jahren. 1976 eröffnete das erste in West Berlin. Frauenhäuser wird es solange geben, wie Frauen Gewalt durch Männer erleben müssen. In Frauenhäusern wohnen nicht nur Frauen, sondern eben auch Kinder. Dieser Schutzraum ist unglaublich wichtig. Viele trauen sich nicht, den Schritt zu gehen und es herrscht immer noch ein Stigma der Schande, wenn eine Frau Schutz suchen muss. Diese Häuser und die Frauen, die diese Häuser leiten und am Leben halten, sie retten Leben. Anders kann man es nicht sagen. Es ist keine Schande, sich aus einer gewaltvollen Beziehung zu retten. Es geht hier immerhin um das eigene Wohlergehen und manchmal um das eigene Leben.

Bericht aus dem Jahr 1996

Bericht der EMMA

Gewalt gegen Frauen

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