Liegen bleiben. 

Es gibt so Tage, da will ich nicht aufstehen. Da ist mir jeder Schritt zu viel. Ich will nicht essen, nicht trinken, mich nicht anziehen. Ich will nicht wissen ob die Sonne scheint oder es regnet. Ob es Montag oder Donnerstag ist. Frühling oder Winter.
An diesen Tagen will ich nicht sein.

Im Dezember 2012 klingelte der Wecker. Ich blieb liegen. Es war ein grauer Tag, kalt und nass. Trotz Heizung war mir unter meiner Winterbettdecke kalt und ich zitterte unkontrolliert.

Mein Körper weigerte sich aufzustehen. Mein Kopf weigerte sich, den Befehl zum Aufstehen auszuführen. Meine Füße wollten den Boden nicht berühren. 

Ich bekam keine Luft und weinte ohne Ende. Ein nicht enden wollender Tunnel.

Die Melancholie die mich immer zum Jahresende begleitet, hat Platz gemacht und der Panik Einlass gewährt.
Arbeitsunfähig und nicht fähig mich krank zu melden rief der Mann, mit dem ich damals zusammenlebte meine Chefin an und meldete mich krank. (Schon wieder)

Dann ging er zur Arbeit.

Ich blieb liegen und weinte. Irgendwann schlief ich wieder ein und wachte viel später auf. Mein Hals tat weh, meine Augen brannten, mein Körper fühlte sich an, als wäre ein Stein auf mir abgelegt worden. Ein dumpfes Hungergefühl ignorierte ich. Statt dessen stand ich auf und fütterte die Katzen. Rauchte eine Zigarette nach der anderen. Das Klingeln meines Handys ignorierte ich. Ich wusste was los ist, ich wollte es aber nicht wahrhaben. Der Stress der letzten Monate hat seinen Tribut gefordert. Mein Körper und mein Kopf spielten nicht mehr mit. Der Gedanke arbeiten zu gehen, ja auch nur das Haus zu verlassen, löste Angst aus. Irrationale und nicht greifbare Angst. Da draußen ist es nicht sicher. Da draußen lächeln dich Menschen an und rammen dir dann ein Messer in den Rücken. Da draußen tun dir Menschen weh. Da draußen bist du allein in einer vollen S-Bahn.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwei Optionen. Im Bett bleiben oder um Hilfe bitten. Eine dritte Option gab es auch aber nein, diese Option kam für mich nicht in Frage. Ich wusste, was es bedeutet im Bett zu bleiben, ich hatte gesehen, was dann passiert. Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass mein Kopf und mein Körper diese Katatonie zulassen und ich aufgebe. 

Ich habe doch nie aufgegeben.

Aufgeben heißt verlieren. Sich selbst verlieren und auf dem Weg war ich bereits. Ich musste den Mut aufbringen, mich an Menschen zu wenden, die mir helfen können, mich selbst wieder finden, zu spüren. Irgendwo in diesem vernachlässigten Körper war noch mein Ich.

Trotzdem legte ich mich wieder hin. Meine Kater kamen und legten sich dazu. Sie schnurrten.

Dieses Bild entstand zu der Zeit als ich fast nur im Bett „lebte“.

Als der Mann, mit dem ich damals zusammenwohnte, wieder nach Hause kam, sagte ich zu ihm, er müsse mich ins Krankenhaus bringen.

Funktionieren

Der Grund meines Zusammenbruchs war Personalmangel und der Druck funktionieren zu müssen. In einem Team zu funktionieren, dass aufgrund schlechter Führung zusammenbrach und in einer Partnerschaft zu funktionieren, die schon längst keine mehr war. Auch wenn ich es nicht sehen wollte.

 Es fehlten schon Leute, wenn ich jetzt noch ausfalle, dann müssen die restlichen Kollegen noch mehr auffangen. Das schlechte Gewissen brachte mich dazu, weiter zu machen und die Warnzeichen zu ignorieren. Irgendwann zog mein Körper und mein Kopf die Reißleine. Mein Hausarzt schrieb mich wochenweise krank und bekniete mich beinahe zu einem Psychiater zu gehen. Ich weigerte mich. 

Bis es zu diesem Punkt kam, an dem mein Körper sich weigerte aufzustehen, war ich nur noch eine Hülle, die nicht mehr aß, sondern sich mit Scheiße vollstopfte um diese Leere in mir, in meiner Partnerschaft und in meinem Leben auszufüllen. Sich irgendwie zu spüren bedeutete sich abzuschießen. Aufstehen, arbeiten (krank melden), stopfen, schlafen, wiederholen.

Krankenhaus

Nun war es also soweit. Die kaputte Hülle mit dem Fünkchen Ich ging in die Klinik. Diagnose Burn-Out. Diagnose Angststörung. Diagnose Sozialphobie. Diagnose Depression. Die Leere Hülle war angefüllt mit Ängsten. Vor dem Tag, der Nacht, der Einsamkeit, den Menschen, der Arbeit. Dazu Ängste, die für mich schon lange dazugehören. Angst vor Insekten, Angst vor Würmern, Angst vor Spinnen, Angst vor verdorbenen Essen, Angst vor Überfällen, Angst vor Geschrei.. Einfach Angst vor allem.

In der Klinik musste ich nicht funktionieren. Ich durfte weinen, schluchzen und traurig sein. Es gab dort andere wie mich. Menschen, die so viel Scheiße hinter sich hatten und wie ich irgendwann an dem Punkt Liegen bleiben oder Hilfe holen angekommen sind. Meine Zimmergenossin und ich unterhielten uns. 

Sie erzählte von ihrem Leid und ich von meinem. Sie half mir besser als die Betreuerinnen dort. Uns verband die Traurigkeit, die Depression, der Druck immer und überall funktionieren zu müssen.

Noch in der Klinik rief ich die Psychiaterin an bei der ich damals wegen Mobbing war. Als ich morgens kotzen musste, nur weil es ein Mensch auf mich abgesehen hatte. Ich bekam quasi sofort einen Termin. Ein paar ruhige und notwendige Tage später verließ ich die Kliniknauf eigenen Wunsch und begab mich in Behandlung. Suchte mir einen Therapeuten und hatte Glück direkt einen zu finden. Meine Psychiaterin verschrieb mir Antidepressiva, erst Citalopram und danach Venlafaxin. Ich blieb erst einmal weiter zu Hause.

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Warum schreibe ich das hier? Warum öffne ich die Büchse mit einer der dunkelsten Zeiten in meinem Leben? 

Weil Depressionen immer noch stigmatisiert sind. Weil es immer noch verharmlost wird. Weil man ja „nur“ traurig ist. Weil auf Regen immer Sonnenschein folgt.

Mich macht es sauer, wenn man sagt, man soll doch einfach was schönes machen oder lachen. Oder wenn jemand sagt, er füllt sich heute so depressiv.

Meine Schatten, meine Depression und meine Ängste sind ein ständiger Begleiter. Es gibt Zeiten, da sind sie stille Begleiter, fast schon unsichtbar. Da würde man nicht denken, dass es Zeiten gibt, wo ich einfach nur schlafen will, weil selbst duschen eine unglaubliche Anstrengung bedeutet.

Ich bin auch nicht von einem Tag auf den anderen depressiv geworden. Bis zu meinem Zusammenbruch gab es viele Warnzeichen, die ich einfach ignoriert habe. Ich habe meine Grenzen ignoriert, mit dem Gedanken, dass es ja nur ein schlechter Tag ist. Das ich schuld bin. Über Jahre hinweg habe ich nicht auf mich und meinen Körper gehört, weil anderes „wichtiger“ war.


Funktionieren war wichtiger.

Gesellschaftliche Annerkennung war wichtiger.

Produktiv zu sein war wichtiger.

Hübsch zu sein war wichtiger.

Nett zu sein war wichtiger.

„Nein“ sagen war unerwünscht.

An sich selbst denken war unerwünscht.

Man selbst sein war unerwünscht.

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Ich bin nicht einfach nur traurig. Ich weine nicht, weil ich mich anstelle oder Aufmerksamkeit suche. Die meiste Zeit geht es mir erstaunlich gut. Dann gibt es Zeiten an denen klopfen meine Begleiter wieder an. Wenn ich nicht auf mich achte. Wenn ich meine Grenzen überschreite und mir zu viel zumute. Wenn ich es nicht schaffe, „nein“ zu sagen. 

An diesen Tagen will ich einfach nur liegen bleiben.

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Wie es weitergeht, dazu ein anderes Mal mehr.

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8 Kommentare zu „Liegen bleiben. 

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