Der Ex im Kreissaal.

Okay, das ist wahrscheinlich ein ziemlich kontroverses Thema. Ich bitte daher alle Leser, wenn sie Kritik an meinem Bericht vorbringen möchten, diese konstruktiv zu halten.

 Ich habe auf Twitter gefragt, ob man sich vorstellen kann, dass der Ex bei der Geburt dabei sein sollte, wenn man sich während der Schwangerschaft trennt. 

Mit 140 Zeichen sah meine Frage wesentlich lesbarer aus: 


Das mit den Screenshots üben wir noch, gell?

127 Leute haben geantwortet und es sieht doch ziemlich eindeutig aus. Ich bin kein Statistiker aber mich dünkt, die Mehrheit ist dagegen.


Warum ich danach gefragt habe


Der Hintergrund ist ein ganz einfacher, denn während meiner Schwangerschaft mit Lotte war ich mit ihrem Vater nicht zusammen. Die Situation war kompliziert und das ist sogar noch beschönigend beschrieben.


Mich hat es interessiert, ob ich mit meiner Erfahrung alleine bin oder ob es da draußen irgendwo noch jemanden gibt, der zusammen mit seinem Ex die Geburt erlebt hat oder was man generell von der Idee hält.



Es war eine beschissene Situation aber irgendwie mussten wir uns ja demnächst um einen kleinen Menschen kümmern. Ich war wütend, verletzt und schwer depressiv. Eine Zeitlang wollte ich nach Freiburg im Breisgau ziehen, nur um so weit weg wie möglich von ihm zu sein. Diese Pläne habe ich relativ schnell wieder verworfen, da ein Umzug mich auch von meiner Mutter und meinen Schwestern getrennt hätte. Das hätte ich definitiv nicht gepackt, bin ich doch ein absoluter Familienmensch und sehr mit ihnen verbunden.


Kontakt mit ihm hatte ich nur sporadisch. Er meldete sich regelmäßig und fragte nach dem Baby in meinem Bauch und ich antwortete kurz angebunden und unfreundlich, oft erst Tage nachdem er geschrieben hat. Wir trafen uns im Januar, etwa einen Monat vor dem errechneten Termin nachdem er mir etwas mitgeteilt hatte, was für mich ein regelrechter Schlag war.


Davor haben wir uns nur einmal im Dezember gesehen um die Vaterschaftsannerkennung und das Sorgerecht (geteilt) zu klären. Jetzt ging es um die Geburt und den Unterhalt plus die Besuchsregelung.


Ich fragte ihn, ob er bei der Geburt dabei sein möchte und er bejahte.


Im Zwiespalt


Ich war im Zwiespalt. Wollte ich den Menschen dabei haben, wenn meine Tochter auf die Welt kam? Das Verhältnis zu ihm war mehr als unterkühlt (wie gesagt, beschissen wäre noch geprahlt). Andererseits war da der Gedanke, dass es auch sein erstes Kind war und das auch die beiden einen gemeinsamen Start ins Leben verdient haben.


Ich sagte ihm, dass so lange ich ihn aushalten kann, er dabei sein kann, wenn er es wirklich möchte. Wenn es mir zu viel werden sollte, müsste er raus gehen und vor dem Kreissaal warten. Damit war er einverstanden und wir klärten den Rest.


Wir redeten das erste Mal seit Monaten richtig miteinander.

Nach dem Gespräch war ich fertig aber irgendwie auch erleichtert, dass es ohne Streit geklappt hat. Gut, ich habe geweint aber es war in diesen Tagen fast schon zu einem Normalzustand geworden und nah am Wasser war ich schon immer gebaut.


Naja nun gut, anscheinend gab es doch einen Kommunikationsfehler, der später zu Ereignissen führte, die ich nicht näher ausführen mag, da sie nicht hierher gehören.


Der Abend der Geburt


Am Abend der Geburt (21 Tage vor dem errechneten Termin) sagte ich ihm wie vereinbart Bescheid, dass es jetzt los geht. Ich hatte kurz den Gedanken, es nicht zu tun und ihn erst nach der Geburt zu kontaktieren, hielt es dann aber für unfair. Er war zu diesem Zeitpunkt noch bei der Arbeit, machte aber früher Feierabend und kam recht schnell an, obwohl er sich vor Aufregung verlaufen hatte und die restlichen 50 Meter mit einem Taxi fuhr. Er traf mich und meine Familie vor dem Fahrstuhl, wo ich Wehen veratmend am Krankenhausbett stand. Meine Mutter und mein Stiefvater verabschiedeten sich und damit waren wir beide erst einmal unter uns. Im Zweibettzimmer der Wöchnerinstation war keine weitere Mutter, was mir gut passte, da ich eh nicht so gut mit fremden Menschen kann.
Wenige Stunden später, um 1:25 Uhr hielt er unsere gerade geborene Tochter im Arm. Er blieb noch etwa eine Stunde und fuhr dann zu sich nach Hause. Sein Kind sah er dann erst am vierten oder fünften Lebenstag wieder. (So genau weiß ich das nicht mehr).


Geburtserlebnis mit dem Ex


Das hier wird jetzt kein Plädoyer dafür, dass man den Ex bei der Geburt des gemeinsamen Kindes dabei haben sollte.

Ich kann immerhin nur von meiner Erfahrung sprechen und die ist, wie alle Erfahrungsberichte, nicht allgemein gültig. Je nach Umstand und Befinden der gebärenden Frau ist es ja nicht ungewöhnlich, dass selbst der Partner nicht immer bei der Geburt seines Kindes dabei ist.

Dadurch, dass er sich auch vor der Geburt immer wieder und trotz meiner Antworten gemeldet und nach mir und dem Baby gefragt hat, zeigte schon, dass er Interesse daran hatte, trotz Trennung ein gutes Verhältnis zu seinem Kind und auch mir, der Kindsmutter, aufzubauen. Also wollte ich der gemeinsamen Geburtserfahrung wenigstens eine Chance geben.


Während der Wehen redeten wir zur Ablenkung über belangloses Zeug, Filme, die wir gesehen hatten oder Spiele, die wir zockten. Solange wie ich dazu imstande war einen zusammenhängenden Satz zu formulieren.


Als es richtig los ging und wir im Kreissaal warteten bis der Pool bereit war, half er mir zu atmen, und ich hielt auch zeitweise seine Hand.
Als ich im Pool war, reichte er mir Wasser und war ansonsten einfach da. Er störte nicht und behinderte damit auch nicht den Geburtsfortschritt.


Während der letzten Phasen der Geburt kam mir nicht einmal der Gedanke, dass mich seine Anwesenheit behindert oder anstrengt, da ich war vollkommen auf mich selbst und diesen Schmerz (bei Lottes Geburt empfand ich richtige Schmerzen) fokussiert war. Ich war einfach nur froh, dass jemand da war, der mir half, wenn die Hebamme bei den anderen Frauen war. Die Geburt dauerte vom Blasensprung bis zum ersten Schrei knappe sechs Stunden. Davon war er drei Stunden dabei und eine Stunde nach der Geburt.


Er durchtrennte die Nabelschnur und kuschelte mit Lotte, während die Hebamme mir half aus dem Pool zu steigen und mich auf das Bett zu legen um dort die Plazenta zu gebären und meine Geburtsverletzungen zu versorgen. Wir schauten sie uns beide an, fasziniert von diesem Ding, welches mein (unser) Kind die lange Zeit in meinem Bauch versorgt hat.

Dadurch, dass er die Geburt seines Kindes miterleben durfte, hat sich unser Verhältnis erst einmal nicht entspannt. Ich war immer noch wütend, verletzt, traurig. In diesen wenigen Stunden waren meine Gefühle ihm gegenüber zweitrangig, die Geburt war wichtiger. Mein Kind war wichtiger.


Ich gab ihm die Möglichkeit und er war dankbar dafür.

Ich denke auch, dass unser Kind auch darum ein so enges Verhältnis zu ihm hat, war er doch der zweite, der sie halten und begrüßen durfte. Die engmaschige Besuchsregelung, die wir vereinbart haben war später ein zusätzlicher Faktor dafür. (Für die Interessierten: er kam drei mal die Woche für zwei Stunden zu uns, entweder vor- oder nachmittags, je nachdem wie er arbeiten musste – in der Zeit zog ich mich in mein Zimmer zurück und war nur da, wenn die Kleine Hunger hatte oder gewickelt werden musste)


Wie gesagt, das war unsere (meine) Erfahrung und gilt nicht für jeden. Die gebärende Frau ist diejenige, die entscheiden soll (Stichwort Selbstbestimmt), wen sie in dieser Situation dabei haben will. Sie allein.

Wenn die werdende Mutter ihrem Gefühl vertrauen kann, ob es eine gute oder schlechte Idee ist, den Ex bei dieser unglaublich intimen Erfahrung dabei zu haben, dann sollte man sie auch dahingehend unterstützen. Sie kann die Entscheidung auch jederzeit relativieren. Ich habe meinem Ex damals auch gesagt, solange ich seine Anwesenheit aushalte, kann er dabei sein. Für den Fall das ich das nicht kann hätte er eben vor dem Kreissaal warten müssen, bis unser Kind geboren war.


Vielleicht habe ich es auch zugelassen, weil ich selbst ein Scheidungskind bin und keinen Kontakt zu meinem Vater habe. Meine Tochter sollte trotz der Trennung so engen Kontakt wie nur möglich haben.


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Ich bereue es nicht, ihn bei der Geburt unseres Kindes dabei gehabt zu haben auch wenn unser Verhältnis zu diesem Zeitpunkt sehr schwierig war. Weder damals zu dem Zeitpunkt, noch jetzt wenn ich darauf zurückblicke.

Wie gesagt, es war meine Erfahrung dazu.

Ich will niemandem einreden, Leute zur Geburt zuzulassen, mit denen man überhaupt nicht kann. Eine Frau soll sich ganz auf den Vorgang konzentrieren können. Störende Personen bzw Gedanken können die Geburt extrem stören und verzögern, bzw. sogar zu einem Stillstand führen. Das sind alles Dinge, die ich heute weiß. Zu dem Zeitpunkt als ich mit Lotte schwanger war, kannte ich diese Faktoren nicht. Ich dachte immer, eine Geburt dauert eben lang und tut weh aber irgendwie kommt das Kind schon raus. Wieviel Einfluss die Psyche und auch die anwesenden Personen auf eine Geburt haben, habe ich erst lang nach Lottes Geburt erfahren. Ich hatte damals mit ganz anderen Baustellen zu kämpfen, als das ich noch die Nerven für eine richtige Geburtsvorbereitung gehabt hätte. Auch wenn ich es nicht bereue ihn dabei gehabt zu haben, mit dem Wissen von heute würde ich es wahrscheinlich garnicht mehr anbieten, einfach um mich nicht von negativen Gefühlen beherrschen zu lassen. Da ich es damals aber nicht wusste, habe ich es versucht und auf mein Bauchgefühl vertraut, dass es schon irgendwie klappen wird.


Nachdem ich den ganzen Text getippt, überarbeitet, wieder gelesen, überarbeitet habe, bin ich mal auf die Idee gekommen, das Internet zu befragen. Dort findet man viele Foreneinträge zu dem Thema. Viele Frauen fragen sich, ob sie den Vater des Kindes dabei haben müssen, wenn sie getrennt sind. In einem Beitrag habe ich gelesen, dass der werdene Vater sogar damit gedroht hat, sich nicht um das Kind zu kümmern, wenn er nicht dabei sein darf. 


Das ist eindeutige Gewalt, emotionale Erspressung und ich hoffe, die Mutter hatte die Kraft, diesen Menschen in seine Schranken zu weisen.


Zum Schluss lässt sich sagen. Befragt eure Gefühle. War der Partner schon in der Beziehung keine Stütze oder gewalttätig (emotional wie körperlich) dann lasst es nicht zu, dass er in diesem Moment bei euch ist.

Das Krankenhauspersonal wird niemanden zu euch lassen, den ihr nicht da haben wollt.


Das war bei uns glücklicherweise nicht der Fall.


Es ist eure Geburt. Euer Körper.


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Der Vater meiner Tochter Lotte ist auch der Vater meiner zweiten Tochter Motte. Wir sind etwa ein Jahr nach Lottes Geburt wieder zusammengekommen und leben seit 2015 zusammen. Auch das ist scheinbar eher selten und bedurfte einer unglaublichen Arbeit in Sachen Beziehung und viel Reflektion von beiden Seiten. Bei der Hausgeburt unserer zweiten Tochter war er auch dabei und hat mich, diesmal als mein Mann wieder gut unterstützt.


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7 Kommentare zu „Der Ex im Kreissaal.

Gib deinen ab

  1. Wow was für ein toller Bericht.
    Ich bin schwanger und es ist noch nicht klar ob wir im Oktober noch zusammen sind… wir werden sehen.
    Die Überlegung ob ich ihn dabei haben will wenn nicht hatte ich auch schon. Ich glaube eher nicht, das liegt aber daran das er jetzt schon oft seltsam reagiert wenn es mir nicht gut geht 😦 ich weis dass ich das dann zu dem Zeitpunkt nicht brauchen kann.
    Aber er will dabei sein, vielleicht mache ich das auch so wie du das ich sage solange er mich nicht stört oder so. We will see.

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    1. Lieben Dank für deinen Kommentar.. Das Ding ist, selbst wenn ihr später noch zusammen seid, kannst du selbst dann sagen, dass du ihn nicht dabei haben willst. Meine Mutter beispielsweise hat den vater meiner jüngsten schwester wieder nach Hause geschickt “ weil sie keine Lust auf Drama“ hatte 😁
      Da du da die alleinige entscheidungsgewalt hast, mach das, was sich für dich richtig anfühlt. 🙂

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      1. Haha, meine Mutter sagt auch mein Vater wäre zu nix zu gebrauchen gewesen, sie hätte das lieber alleine gemacht 😀 seit ich mal beim Blutspenden schlimm Ohnmächtig wurde und mein Vater dabei war verstehe ich sie 🙂 (ich lieb meinen Vater trotzdem)

        Ich würde gerne meine Mutter mitnehmen, evtl zusätzlich. Ich hab auch schon überlegt ob ich einfach lieber alleine bin, mal sehen.
        Ursprünglich hätte ich gerne meine frühere Nachbarin und Freundin mit gehabt, sie ist Tierärztin und hat schon tausenden Tieren bei der Geburt geholfen und kann jeder Kuh/Pferd/Ziege mit Globuli und Akkupunktur bei der Geburt helfen, also wieso nicht mir? Aber sie sagt das sie das beim Mensch komisch findet, weil das so nackt ist *hahaha* ich meinte ich würde die Haare extra für sie wachsen lassen aber ich glaub sie hat da Angst davor und ich dränge niemanden.

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      2. Frag mal im WunschKrankenhaus oder geburtshaus (je nachdem wo du gebären möchtest)nach.. Die meisten erlauben bis zu 3 Begleitpersonen im Kreissaal..

        Achso und herzlichen Glückwunsch zur minikugel 💚

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      3. Haha, vielen Dank. Ist ja wirklich noch Mini wobei ich überrascht festgestellt hab das ich das erste viertel schon hinter mir hab. Krass.

        Am letzten Samstag war ich ja bei einem Tag der offenen Tür, da hab ich eine Hebamme gefragt und dort ist nur eine Person erlaubt. Finde ich schon ziemlich frech das man da so in seinen Wünschen beschnitten wird.

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  2. Ich hatte bei meiner zweiten Geburt niemanden dabei (außer die Hebamme natürlich) und es war sehr entspannt, ich konnte mich richtig gehen lassen und hinterher hatte ich alle Zeit der Welt nur für mein Baby. Der Papa war so lange beim ersten Kind. Im Krankenhaus hätte ich ihn aber lieber dabei gehabt, einfach weil ich da Unterstützung hätte haben wollen gegen die Übermacht des Personals 😉 Ich denke auch, man muss es aus der Situation heraus entscheiden und auch sicher sein können, dass der werdende Vater alle Wünsche respektiert. Liebe Grüße, Frida

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  3. Eine wunderschöne Geschichte die du da mit uns teilst… gut dass du am Schluss schreibst, dass ihr wieder zusammen seid – Geschichten mit happy End schreibt das Leben eh viel zu wenig! Und Hut ab!! Was auch immer damals geschehen ist scheint dich sehr verletzt zu haben – und verzeihen ist wohl die größte Kunst in unserer heutigen Zeit ❤

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