Hebammen sind unnötig.

Jupp, wer braucht die schon. Was machen die denn bitte ausser mithecheln und nach Patchouli riechen?

Kinder kommen auch ohne diese ewig gestrigen Kräuterhexen auf die Welt.

Ich mein, wer zum Teufel braucht Hebammen?

Jetzt hat es auch noch so eine gewagt, in einem Interview die Leute zu bitten, mit der Familienplanung bis nach Ostern zu warten.

Soweit kommt es noch, wer ist die Frau?

Facebookscreenshot

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Das oder solche ähnlichen Gedanken würden mich nicht wundern, nachdem bei Facebook mit einem Lachsmiley der Artikel mit dem Interview der Hebamme Christine Niersmann geteilt wurde.

Bei den derzeitigen Entwicklungen ist mir aber weder nach einem Lachsmiley noch nach Kichern zumute. Und den Hebammen noch weniger. Wenn man nicht nur die Überschrift liest, sondern eben auch das Interview, muss einem klar werden, dass es hier nicht darum geht, Partnern die Familienplanung vorzuschreiben, sondern hier etwas extrem dramatisches angesprochen wird.

Fast jeden Tag flattern Meldungen über meine Timeline, wo es schon wieder über die Schliessung einer Geburtsstation berichtet wird. Fast jeden Tag lese ich in Facebook Müttergruppen, dass Frauen keine Hebamme finden können, sei es für die Vorsorge, die Geburt oder für die Nachsorge. Es gibt Berichte, dass Kreissäle wegen Überfüllung kurzzeitig geschlossen werden müssen. Derzeit überlegen Krankenkassen, dass Beleghebammensystem abzuschaffen. Das Krankenhaus indem ich Lotte zur Welt gebracht habe, musste Frauen abweisen, weil es überfüllt war. Ein Todesfall ging durch die Medien. Wo früher eine Anmeldung zur Geburt in der 36ten Woche gerreicht hat, wird jetzt empfohlen, schon möglichst in der Frühschwangerschaft ein Krankenhaus auszuwählen. Und selbst dann ist es nicht gesichert auch dort gebären zu können.

Nun könnte ich sagen, was juckt mich das? Ich bin mit meiner Familienplanung fertig. Ich habe meine beiden Kinder und mein Uterus hat Sendepause.

Ich habe zwei schöne und interventionsfreie (bzw arme) Geburten durch und könnte mich zurücklehnen. Dank toller Hebammen.

Ha, nur blöderweise hören die anderen Frauen nicht auf, Kinder auf die Welt zu bringen. Und ganz dummerweise haben meine beiden Kinder ebenfalls einen Uterus und vielleicht wollen sie irgendwann mal selbst Kinder. Dann gucken die aber schön blöd aus der Wäsche, wenn sie hechelnd vor einem Arzt stehen und der ihnen mitteilt „Jo Frau Winkler, können sie bis morgen weiterhecheln? Ist jetzt ganz ungünstig, wir haben gerade kein Personal da. Hören Sie bitte auf, Fruchtwasser auf meine Schuhe zu tropfen.“

Wie wird denn die Situation in 20 Jahren denn sein, wenn sie heute schon jeder Beschreibung spottet? Gibt es dann mit der ersten Ultraschalluntersuchung gleich einen Termin zum Kaiserschnitt, da es keine natürlichen Geburten mehr durchgezogen werden? Bekommt man Wehenhemmer, wenn das Baby sich nicht an den Termin hält? Gibt es dann direkt nach der Geburt eine Überweisung zur Traumatherapie? Können sich dann nur noch die oberen 10.000 eine Hebammenversorgung leisten, da es eine komplett privat finanzierte Sache wird? Gibt es in 20 Jahren überhaupt noch Hebammen? Es gibt ja heute schon nicht genug.

Ich bin verdammt nochmal sauer.

Hebammen sind nicht unnötig. Sie hecheln nicht nur mit und nicht alle riechen nach Patchouli (ich mag den Geruch übrigens sehr gerne).

Sie begleiten Frauen durch eine sensible Zeit, die mit extremen körperlichen und seelischen Veränderungen einhergeht. Sie sind Ansprechpartner bei allen Wehwehchen, bei all dem Kummer, den man hat. Hebammen bringen Zeit mit. Jeder Termin mit meiner Hebamme hat eine Stunde gedauert. Sie war immer da und als die Geburt los ging, war sie praktisch sofort im Auto und auf dem Weg. Sie kam regelmäßig, wog mein Baby, half mir beim Anziehen des kleinen zerbrechlichen Wesens, untersuchte meine Geburtsverletzung und beobachtete ob es mir gut ging.

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Das ist schön, dass es so geklappt hat. Es gibt auch etliche Frauen, bei denen es von Anfang an klappt (obwohl ich nicht glaube, dass es sich hier um eine Alleingeburt gehandelt hat). Die keine Fragen zum Stillen, dem Wochenfluss, den Nachwehen etc haben. Bei denen läuft es. Schade, dass da der Blick auf die fehlt, die sich eine Hebamme für ihre Geburtsbegleitung wünschen oder brauchen. Schade, dass da der Blick auf die Mitmenschen fehlt. Das man sein Kind in einer ruhigen Athmosphäre mit 1zu1 Betreuung auf die Welt bringen möchte und Geburten nicht planbar sind.

Schade, dass ausgeblendet wird, dass Frauen unter der Geburt Gewalt erleben.
Die Situation ist nicht nur angespannt, sie ist kurz davor zu reißen. Eine Klinikhebamme auf drei Frauen, oftmals sogar noch mehr. Die Hebammen haben oft nicht einmal die Zeit auf Toilette zu gehen, von einer Pause ganz zu schweigen. Neben der eigentlichen Geburtsbegleitung müssen sie noch Papierkram erledigen, nach den Frauen und Kindern schauen, die die Geburt bereits hinter sich haben und neue Frauen aufnehmen. Den Lohn erwähne ich nicht einmal, der ist mindestens ein Witz für die Arbeit die die Hebammen leisten (müssen).

Was mich zusätzlich sauer macht, ist die Lethargie. Wo ist der Aufschrei? Warum wird es als gegeben hingenommen, das eine sichere und geborgene Geburt nicht mehr gewährleistet ist? Warum verlangen nicht alle Frauen und Männer danach, dass ihnen eine #sicheregeburt möglich ist? Warum sehe ich nur Protest in der kleinen Muttibloggermuttigruppenfilterblase?

Es geht doch hier nicht nur um euch. Es geht um eure Freundinnen, eure Frauen, eure Nachbarin, eure Schwiegertochter und eure eigenen Töchter. Es geht um eure Kinder, verdammt noch mal. Sichere Geburt geht uns alle was an, egal ob zu Hause, in der Klinik, per Kaiserschnitt oder vaginal.

Mit Genehmigung von © Michaela Skott

Ich will, dass meine Kinder später eine ruhige Schwangerschaft erleben, ohne Sorge haben zu müssen, mit beginnener Geburt nicht zu wissen wo sie gebären können und wer sie sicher durch die Geburt begleitet.

Zum weiterlesen.
Wesentlich rationaler als mein emotionaler Ausbruch. Frohe Ostern.

Zum einen die Organisation MotherHood e.V.

dann ein guter Artikel in der Zeit vom 14.4.17

Und unglaublich wichtiger Dokumentarfilm the safe Birth – die sichere Geburt helft mit damit es der Film in die Kinos schafft. Ich freue mich auf die Premiere und werde ihn definitiv sehen.

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16 Kommentare zu „Hebammen sind unnötig.

  1. Danke für diesen Text mit deinen wütenden und offenen Worten!
    Du sprichst mir aus der Seele. Ich kann es auch nicht verstehen, wo der Aufschrei in der Bevölkerung bleibt. Es scheint, als wenn es niemanden angehen würde, obwohl doch tatsächlich das Gegenteil der Fall ist, wenn man den Gedanken mal zu Ende führen würde…

    Liebe Grüße
    Mother Birth 😘

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  2. Es ist wirklich ein Drama. Ich habe vor ein paar Tagen auf Twitter einen Artikel geteilt, in dem eben stand: Bitte keine Kinder an Ostern zeugen. Ich fand es eigentlich noch eher „amüsant“, erschreckender Aufruf, ja, aber irgendwie amüsant. Inzwischen berichten alle großen Portale darüber und ich frage mich: Das ist wirklich ernst gemeint, oder? Also so richtig?
    Der von dir zitierte Tweet passt in der Tat. „Ficken nach Zeitplan?“ Ist es schon soweit? Schlimm.

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  3. Danke für dein offenen Text.Ich wünsche mir sehr für meine drei Töchter das es später noch Hebammen gibt.Ich persönlich hatte keinen vor und nach der Geburt aber ich war sehr dankbar das ich während der Geburt eine hatte.
    Ich kann deine Wut total verstehen,ich kenne viele die keine Hebamme gefunden haben da alle belegt waren.

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    1. Bei Lotte hatte ich auch keine Hebamme für vor-und Nachsorge, da ich zu fertig mit der Welt war um mich darum zu kümmern. Ich hatte das wahnsinkige Glück eine tolle Klinikhebamme zu haben.
      Aber ich hätte damals noch wesentlich wahrscheinlicher eine bekommen als heute…

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  4. Vielen Dank für diesen Artikel.

    Aus meinem eigenen Bekanntenkreis kann ich schließen, warum es dort keinen Aufschrei gibt: Der größte Teil der Frauen hat dort keine besonders guten Erfahrungen mit (freiberuflichen) Hebammen gemacht und nimmt das als etwas wahr, was halt irgendwie so ist, was man aber auch kaum beeinflussen kann und weswegen der Rest dann irgendwie auch nicht interessiert.
    Ich kann es gut nachvollziehen, denn mir erging es ähnlich (im Stich gelassen von der Hebamme, weil es sich um eine Frühgeburt handelte). Dennoch fand und finde ich, dass Hebammen zu wichtig sind und dass man für menschenwürdige Geburten kämpfen muss! Inzwischen sehe ich das ganz pragmatisch priorisiert und halte mich an diese Hoffnung: Erst für den Erhalt der Hebammen und der Geburtshilfe kämpfen, danach dafür kämpfen, dass es für Frauen Mittel und Wege gibt, sich gegen „schlechte“ Hebammen zu wehren.
    (Ich muss zugeben, dass zweiterer Punkt mir manchmal echt arg auf der Seele brennt, weil das immer heruntergespielt wird à la „die zwei schwarzen Schafe“, während Frauenärzte grundsätzlich alle böse sind. Diese Ignoranz und Arroganz macht mich wütend. Aber das muss warten, weil es erst einmal dringlicher und wichtiger ist, dass der Berufsstand und die Geburtshilfe erhalten bleiben).

    Wie sich Lethargie und Gleichgültigkeit ändern lassen, ich weiß es leider nicht.

    Herzliche Grüße
    lafrancophile

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    1. Danke für deinen Kommentar. Ich habe auch überlegt, ob ich den punkt „schlechte Hebamme“ mit rein nehme, mich aber dann dagegen entschieden, weil es wirklich erstmal wie du es sagst, um den Erhalt dieses Berufes geht. Lieben Gruß 🙂

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    2. Eine Anmerkung: Vermutlich würde sich dieses Problem ein ganzes Stück weit von selbst lösen, wenn Schwangere wirklich eine Auswahl an Hebammen hätten und dieser „Markt“ sich an ihren Wünschen orientieren würde, statt an den Gewinnen der Krankenkassen.

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  5. Ein feiner Artikel, der es auf den Punkt bringt!
    MAN MUSS verdammt nochmal auch an all die anderen Familien (denn es betrifft ja auch die Männer!) denken, die es noch vor sich haben.
    Nur weil bei Lieschen Müller alles prima und auch „ohne“ ging – wer weiß, vielleicht hätte sie es ja noch einfacher „mit“ gehabt?
    Oder darf Frida Schmitt dann den Anspruch auf Hebammenhilfe nicht haben, nur weil Lieschen ja auch ohne zurechtkam?

    Es ärgert mich maßlos, daß ein Beruf, der ganz klar Primärpräventiv arbeitet, so mit Füßen getreten wird.
    Ginge es um MÄNER, die gebären, stillen und schwanger sind – wir hätten dieses Problem nicht!!!

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  6. Danke für diese wahren Worte!
    Ich bin im Moment schwanger, mein Uterus ist also schwer beschäftigt und ich bin froh mit Hängen und Würgen eine sehr nette Hebamme gefunden zu haben (die zum Glück nicht nach Patschouli riecht :-D)
    Darf ich den Post bei mir teilen?

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