Lächle doch mal…

Die ältere Frau schaut Lotte an, schaut mich an und dann wieder Lotte.

„Na du guckst aber grimmig“ sagt sie und ich frage mich ob sie mich oder Lotte meint.

Lotte zumindest reagiert nicht. Wie soll man auch darauf reagieren?

Der Morgen war anstrengend und eine nette ungemütliche Fortsetzung der Nacht. Beide Kinder haben sich scheinbar abgesprochen und waren abwechselnd wach, jede mit ihrem eigenen Wehwehchen die entweder weggekuschelt oder weggestillt werden mussten. Der Papa schlief erkältungsbedingt im Zimmer nebenan und so hatte ich die Nachtschicht alleine. 

Die Nacht war dann auch schon um 5:30 Uhr vorbei als Motte mich und ihre Schwester mit einem schrillen und gutgelaunten Schrei weckte. Sie schreit gerne und testet ihre Stimme. Eigentlich süß aber nicht um halb sechs morgens.

Nach anziehen, Zähne putzen, wickeln, Frühstück für Lotte und Milch aus der Quelle für Motte gab es dann noch Streit, weil ich nicht erlaubte das Tablet mit in den Kiga zu nehmen. Wir steigerten uns da etwas rein und waren beide sauer aufeinander. Lotte hatte also allen Grund grimmig zu gucken und ich auch, weil der dampfende und heiße Kaffee, den ich über dem Streit zu Hause vergessen habe, eben da nun auskühlte und später nur noch wie kalte Moppelkotze schmecken würde. Schade um die Bohnen. Gefrühstückt hatte ich auch noch nichts, weil eben Streit und Stillen und so weiter.

„Du würdest so hübsch sein, wenn du mal lächeln würdest“ 

Der Spruch reisst mich aus meiner Trauer um den vergessenen Kaffee und lässt mich aufhorchen. Die Frau findet also mein Kind hübscher, wenn es lächeln würde. Beziehungsweise sie findet Lotte hätte lächeln müssen, damit sie als hübsch wahrgenommen wird. Lotte schaut auf und rückt etwas näher an mich. Ein Zeichen dafür, dass ihr es nicht gefällt, was da gesagt worden ist. „Du bist hübsch“ sage ich zu Lotte und ignoriere die Frau.

„Ja aber mit einem Lächeln..“ die Frau hält inne weil sie merkt, dass ich nicht mehr zuhöre, sondern meinem Kind zugewandt bin.

Okay sie kann nicht wissen, dass Lotte schlecht drauf ist und sie kann auch nicht wissen, dass Lotte ihre Ruhe braucht wenn sie sauer ist, wie sie ausrasten kann, wenn man sie in ihrer Wut und ihrer Laune stört. Sie braucht, wie ich, ihre Zeit und Ruhe um sich zu sammeln und stört man das, dann verwandelt sich Lotte in den Hulk, den roten. Also abwarten bis der Sturm vorbeizieht und dabei begleiten. Mit bloßer Anwesenheit, nicht mit großen Worten und Ablenkung. 

Ich sage nichts mehr, sondern gucke die Frau an. Lotte guckt die Frau an. 

Ich liebe mein Kind in diesem Augenblick unglaublich. Sie hat das Selbstbewusstsein, dieser fremden Frau so böse ins Gesicht zu gucken, dass man quasi sehen kann wie die Luft gefriert.

„Na du bist ja schlecht erzogen“. Das war ein Seitenhieb in meine Richtung. Warum man dabei aber mein Kind anspricht und nicht mich, tja da kann ich nur spekulieren. Ist wohl so rum einfacher.

Warum schaufelt diese Frau sich ihr eigenes Grab? Jesus, wenn mich jemand so angucken würde wie Lotte gerade die Frau und Grund und Boden guckt, dann mache ich das ich wegkomme. Vielleicht lasse ich noch Opfergaben zur Besänftigung da aber ich renne so schnell mich meine Beine tragen können.

Lotte ballt die Fäuste.. Damn.. 

„LASS MICH IN RUHE“ brüllt sie die Frau an. 

Das gefällt der Frau wieder rum nicht. Sie wendet sich diesmal direkt an mich, wie ich mir von meinem Kind auf der Nase rumtanzen lassen kann und ich schon sehen werde, was ich davon habe. Ich muss grinsen. Innerlich. Äußerlich gucke ich so wie ich immer gucke. Jahrelange Übung.

Sie kann ja nicht wissen, dass wir Lotte von klein auf zeigen, dass es okay ist, „nein“ zu sagen. Das sie, wenn sie jemand ärgert, demjenigen sagt, er soll sie in Ruhe lassen. Das sie sich nicht alles gefallen lassen muss, nur weil sie klein ist.

Ja, ich sehe was ich davon habe. Ich habe ein Kind, welches mutig genug ist, jemandem Fremden deutlich zu zeigen, wenn dieser nicht ablässt sie zu „bedrängen“.

Ich sehe was ich davon habe. Ein selbstbewusstes Kind, welches schon mit drei Jahren weiß, dass sie nicht jeden anlächeln muss.

Ich sehe ein Kind, welches keine Angst davor hat, sich zu streiten.

War es unhöflich, die Frau anzubrüllen? Bestimmt. Aber hätte die Frau aufgehört, Lotte anzuquatschen, wenn schon ihr nicht-reagieren und ihr wegrücken ignoriert wurde? Für den Fall kann sich die Höflichkeit mal verabschieden. Finde ich. 

War es unhöflich, einem fremden Kind zu sagen, es wäre hübscher, wenn es lächelt? Definitiv. Mein Kind soll nicht glauben, sie wäre nur dann „hübsch“ wenn sie artig jeden anlächelt. Das war unhöflich und übergriffig.

Sie ist so wie sie ist, gut und richtig. Stark, stärker als ich. Sie lässt sich nicht alles gefallen und das ist gut. Ich wünschte, ich hätte früher soviel Mut und Stärke gehabt, so laut und so böse „Nein“ zu brüllen, wie es nur möglich ist. Ich wünschte, ich hätte früher „LASS MICH IN RUHE“ brüllen können, wenn mir jemand zu nahe kam. 

Sie soll keine Angst davor haben auch mal unangenehm zu sein. Sie soll ihre Grenzen kennen und verteidigen.

Jetzt sehe ich mein kleines und starkes Mädchen, welches ihre Wut losgeworden ist an. Ich reiche ihr die Hand, sie nimmt sie und wir steigen aus. Ich drücke ihre Hand und lächle sie an. Die Wut ist weg. Sie lächelt zurück. Weil sie es will und nicht weil es von ihr erwartet wird.

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6 Kommentare zu „Lächle doch mal…

  1. Moin,
    Ich find das super so. Nächstes mal einfach sagen: Sie tanzt nicht auf meiner Nase, sondern ihrer. Und bei so übergriffigen Erwachsenen ist das ihr gutes Recht. Oder belästigen sie auch Erwachsene so?

    Meine Jungs sind halb Deutsch, halb Nigerianisch und Kleinkindern bzw. Baby. Die Locken und die gebräunte Haut führen auch zu übergriffigen Verhalten. Ich reagier da sehr unterschiedlich, je nach Sympathie. Und mein Großer muss nichts, sich nicht anfassen lassen oder Hand geben. Grüssen werde ich ihn anhalten, aber noch gagad er nur. Das aber gerne und reichlich.

    Und die schlimmen Nächte angeht. Kenn ich, immer schön die Augenringe im Spiegel angrinsen. Dann hat man wenigstens schon ein freundliches Gesicht gesehen, am Morgen.

    Grüsse aus dem Süden
    Mama Doppelte Portion

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    1. Das ist so ne Sache, die ich echt kacke finde. Kaum sieht das Kind irgendwie „anders“ aus, ist es als ob sie ein Shirt anhaben auf dem steht „fummel mir in den Haaren“.. Das hat was von streichelzoo. Da musste ich früher auch wildfremden Menschen die Meinung geigen, wenn sie auf Ausflügen „unseren“ Kindern auf die Pelle gerückt sind.

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      1. Ich glaube, den Leuten ist nicht klar wie übergriffig und rassistisch sie sind. Letzte Woche betatscht eine Frau rasend schnell in unserem Vereinsheim mein Baby und schrie laut rum. „Oh, cafe olé Babys sind so süss. Meine Enkel sind halb Brasilianer, leider ist der Vater so bleich, das sie ganz weiss sind.
        Mein Mann sass völlig verblüfft daneben und mir sind fast die Kaffeetassen aus der Hand gefallen. Was tut man? Man sagt ja und lächelt, weil sie meint es ja nicht böse. Mein Großer flüchtete unter den Tisch, zwischen Opas Beine.

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  2. Ich hasse es wenn jemand zu mir sagt ich solle doch mal lächeln. Ich bin erwachsen und kann da trotzdem nicht drüber stehen sondern rege mich auf. Ich möchte nicht wissen wie es in mir kochen würde, wenn sich jemand anmaßen würde das zu meinem Kind zu sagen!
    Umso schöner dass dein Kind da bereits jetzt schon so drauf reagieren kann. Toll!

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