Ambivalent.

So.. Mal kurz zum Setting, warum ich mir das hier gerade von der Seele tippe. Das hier muss irgendwie raus und eure Kommentare sind unglaublich erwünscht dazu. 

Lotte wurde heute vom Papa abgeholt. Zu Hause erzählte sie mir, sie hätte ein „Aua“ und schob ihr Shirt zur Seite. Am Schlüsselbein sah ich etwas rotes, eine Art Schürfwunde. Ich zog ihr Hemd aus um mir das genauer anzusehen und blickte auf eine Bisswunde.

Sie erzählte mir, wer sie gebissen hat und warum. Sie wollte ein Spielzeug haben, mit dem das andere Kind gespielt hat und es kam zum Streit.

So und nun zur Ambivalenz.

Denn ich bin nicht nur Mutter, sondern eben auch Erzieherin und weiß, warum Kinder in einem bestimmten Alter beißen.

Das ist keine Angeberei, kein ich-weiß-es-besser, sondern schlicht Fakt, den ich meiner Ausbildung und fast 10 Jahren Arbeitspraxis zu verdanken habe.

Das ist jetzt also der Versuch zwischen Muttergefühlen und der eher rationalen Seite der Pädagogik irgendwo für mich angemessen zu reagieren. 

Denn als Mutter war mein Puls sofort auf 180 als ich den Biss sah. Ich war praktisch sofort stinkwütend.

Wütend, dass mein Kind gebissen wurde.

Wütend, dass es nicht das erste Mal war.

Wütend, dass es diesmal so schlimm ist bzw aussieht.

Wütend, dass ich nicht informiert wurde.

Wütend, dass es immer die gleichen Kinder sind, die so reagieren.

Wütend darüber, dass ich mein Kind nicht schützen konnte.

Ich war wütend auf die Kita, die das zugelassen hat, auf die Erzieherin, bei der das passiert ist.

Wisst ihr was. Es war richtig gut, dass ich niemanden erreicht habe als ich in der Kita angerufen habe um mich aufzuregen. Denn so konnte ich wieder runter kommen und durchatmen.

Denn

Ich weiß, dass so etwas passieren kann und auch mein Kind nicht vor solchen Zwischenfällen gefeit ist.

Ich weiß, dass die wenigsten Kinder grundlos zubeißen, sondern weil sie keine andere Möglichkeit haben als so zu reagieren. Ihnen fehlt schlicht die Sprache dafür.

Ich weiß, wie die Betreuungssituation aussieht. Dass die Erzieher sich nicht teilen können. Das selbst wenn alle da gewesen wären, so etwas hätte passieren können.

Ich weiß wie schnell so etwas passieren kann, mir ist nämlich vor zwei Jahren genau das gleiche passiert. Ich drehte mich gerade zu einem Kind um, als der Junge (mit dem ich eben eine Sekunde vorher gesprochen hatte) ein Mädchen biss, so sehr, dass es quasi sofort ein riesiger blutunterlaufender Fleck wurde. Ich stand praktisch daneben und konnte gar nicht so schnell reagieren, wie er zubiss.

Ich weiß, wie sehr ich mir Vorwürfe gemacht habe und ich habe die Wut der Mutter komplett abgekriegt („ich zeig den Scheißladen hier an und die Erzieherin auch“ – also mich). (Hat sie übrigens nicht gemacht, wir haben miteinander gesprochen und da war ich der ruhige Teil.. Heute ist es eben andersrum)

Ich weiß, dass die Erzieherinnen mich informiert hätten, wenn es nötig gewesen wäre, Lotte aufgrund der Verletzung sofort abzuholen (haben sie nämlich ein paar Wochen vorher bei einem ähnlichen Vorfall schon getan). Sie haben ja den Papa kurz darauf informiert, als er sie abgeholt hat. 

Ich weiß auch, dass Konflikte in einer Kita eben nicht zu verhindern sind. Um Verletzungen zu verhindern, müsste ich Lotte in Luftpolsterfolie einwickeln und achtzehn Jahre in der Ecke stehen lassen. 

Da steh ich also zwischen Wut über die Verletzung und Verständnis über die Situation und weiß nicht so recht weiter. Darf ich sauer sein?

 Ich darf sauer sein. Mir tut dieser Vorfall seelisch weh, weil da ein Teil meines Lebens leiden musste. Ich darf wie eine Mama reagieren und sauer sein. Ich kann die „rationale“ Pädagogin in den Schrank sperren und morgen wieder raus lassen. Bis dahin darf ich sauer sein, meinem Kind zeigen, dass ich Anteil nehme und es trösten. Ich darf schimpfen und fluchen. Ich darf es scheiße finden. 

Ich nahm Lotte in den Arm, pustete und tröstete, sagte ihr, dass ich es blöd finde was passiert ist und das es bald besser wird. 

Was mich letztendlich von meiner Wut runter gebracht hat, war „meine“ Müttergruppe auf Facebook, in der ich mich auskotzen durfte. Hier mal wieder ein dickes Danke an diese tollen Frauen, die auch schon solche Sachen erlebt haben und auch damals wütend waren. Auch ein Danke an die Frauen, die rational geblieben sind wo ich impulsiv war. Manchmal braucht man genau das.

Ich bin nicht mehr wütend. 

Ich bin nicht mehr sauer auf die Erzieherin, ich bin nicht mehr sauer auf das Kind, weil beide nichts dafür können. Sie, weil sie gar nicht so schnell reagieren kann und nicht auf das Kind, weil es nicht verbal reagieren konnte.. Wie denn auch, es ist ein Kleinkind, welches sich noch nicht so gut ausdrücken kann. 

Der Vorfall ist nicht schön, es ist immer noch scheiße aber eben passiert. Mehr als mein Kind zu begleiten und es abklären zu lassen kann ich nicht tun.

Was wir jetzt tun.
Lotte ist morgen (Freitag) eh zu Hause, weil wir was anderes beim Kinderarzt abklären müssen. So werde ich auch gleich den Biss untersuchen lassen, weil die Haut verletzt ist. Lotte hat vor dem Schlafen gehen nochmal davon gesprochen aber sie scheint schmerzfrei zu sein.
Macht euch einen schönen Abend. Und danke fürs Lesen.  💜

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3 Kommentare zu „Ambivalent.

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