Respekt

Vor einer Weile stand ich mit meinem Baby morgens um sieben in der Notaufnahme „unseres“ Krankenhauses. Es war noch nicht sonderlich viel los, soll heißen, wir waren die einzigen dort, die von den Wundern moderner Medizin profitieren wollten. 

Übersetzt: wir warteten auf einen Kinderarzt, der mal über Motti drüber gucken sollte und mir die Sorgen nehmen musste. Denn selbst nach zwei eigenen und hunderten mir anvertrauten Kindern bin ich in gewissen Fragen überfordert und brauche auch mal eine Fachmeinung. Motti ging es beschissen, der Kinderarzt machte an dem Tag erst um halb zehn auf und mir war nicht wohl bei dem Gedanken, so lange oder noch länger warten zu müssen.

Egal, also wir standen da morgen ins der Notaufnahme und es war leer. Ich holte mir einen Kaffee am Automaten und sah wie sich die Reinigungskraft näherte. Ich grüßte, wie ich jeden grüße (fremde Menschen anzusprechen ist eine riesen Herausforderung für mich aber ich tue es um darin geübter zu werden) und sie grüßte zurück. 

Motti, die eben noch an meiner Schulter kuschelte, hob den Kopf, sah die Frau und fing an vor Freude zu quietschen. Sie hüpfte in meinem Arm leicht auf und ab und strampelte mit den Beinchen (ich liebe es, wie Kinder sich einfach mit dem ganzen Körper freuen). Das selbe Kind welches noch Sekunden vorher elendig aus der Wäsche schaute und am Daumen nuckelte. 

Die freudige Begrüßung meiner kurzen zauberte auch der Putzfrau ein Lächeln ins Gesicht und sie schäkerte kurz mit ihr. Motti strahlte übers ganze Gesicht.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, eine kleine nette Begegnung an einem Donnerstag Morgen irgendwo in einem Berliner Krankenhaus. 

Doch die Reinigungskraft sagte etwas, was mich jetzt noch beschäftigt. 

An Motti gewandt und das Putzzeug zurechtmachend sagte sie zu meiner Tochter: „Schau mich nicht zu lange an, sonst endest du noch wie ich.“ 

Kein Scheiß, ich denk mir hier nichts aus um einen Aufhänger zu haben, mal über Putzfrauen und Männer zu schreiben. Brauch ich gar nicht, da reicht es zu sagen, dass meine Mutter selbst Reinigungskraft ist und dann würde ich euch erzählen, wie sie mit Managern umgeht oder unfreundlichen Leuten in den Einrichtungen, in denen sie putzt. Da gibt es genug Geschichten.

So, nun war die Reinigungskraft eine sympathische Frau und vor lauter Verwunderung vergaß ich meine Schwierigkeiten und sagte ihr, dass ich großen Respekt vor ihrer Arbeit habe.

Das war früher anders, bevor meine Mutter selbst anfing in Vollzeit als Reinigungskraft zu arbeiten und in der ersten Zeit ihres neuen Jobs. Ich schämte mich für den Beruf meiner Mutter und ich schaute abwertend auf die (hauptsächlich) Frauen, die mit ihren Putzwagen rumfuhren und unseren Dreck wegputzten. 

Nur, mit welchem Recht hatte ich diese Sicht auf einen so wichtigen Beruf und die Personen, die ihn machen?

Ohne diese Frauen und Männer würden wir schneller im Dreck versinken als ich „superkalifragilistischexpialigetisch“ sagen kann.

Sie sorgen dafür, dass die Räume in denen wir uns täglich aufhalten sauber sind. Das ist eine Heidenarbeit. Und trotzdem war ich (waren wir, sind wir) respektlos. Ist ja nur ne Putze.. Ich schäme mich heute für meine Gedanken von damals. Auch weil ich eine Zeitlang meiner Mutter geholfen habe und gesehen/erlebt habe, was es bedeutet, in drei Stunden riesige Büroräume an der Spree sauber zu kriegen. Das ist verdammt nochmal richtig anstrengend. Nach den drei Stunden ist man fertig.

Und anscheinend bin ich nicht die einzige, die Reinigungskräfte von oben herab behandelt hat. Warum sonst sagt eine Frau „sonst endest du so wie ich…“? Ich kenne die Geschichte der Frau nicht, weiß nicht warum sie den Job macht. Vielleicht ist sie alleinerziehend, vielleicht hat sie zugunsten ihrer Kinder jahrelang berufsmäßig zurückgesteckt, vielleicht hat sie etwas anderes gelernt und in ihrer Branche nichts mehr gefunden. Ich weiß es nicht. Fakt ist, sie macht einen Job, der körperlich anstrengend ist, beschissen bezahlt wird und in dem sie von anderen Menschen schlecht behandelt wird. 

Dabei sorgt sie, wie alle in diesem Beruf dafür, dass wir in Krankenhäusern nicht durch klebrige Überreste von irgendwelchen Körperflüssigkeiten laufen, dass die Geschäfte sauber sind und ordentlich aussehen, dass Büroräume gepflegt aussehen und sie arbeiten in Privathaushalten, sorgen dafür dass man sich wohl fühlt. Das alles zu Zeiten, in denen wir entweder noch schlafen oder abends schon die Füße hochlegen.

Das Leute wie die Frau letzte Woche solche Sachen sagen, zeigt wie wenig unsere Gesellschaft versteht und respektiert, was für ein Job das ist. Das wir Frauen und Männer, die diesen Job machen, für gescheiterte Existenzen halten und wir uns für was besseres halten „dürfen“. 

Manche machen den Job, weil sie Geld brauchen, andere weil sie nichts anderes machen können (aus welchen Gründen auch immer), wieder andere wollen nicht zu Hause rumsitzen und noch anderen macht die Arbeit Spaß. Jede/r hat seine Geschichte und seine Motivation. Allen ist gemein, dass sie ihn machen und sich weder dafür schämen noch rechtfertigen sollten.

Daher entschuldige ich mich für mein Verhalten und meine Meinung als ich jünger war und bedanke mich bei jeder Frau und jedem Mann, die diese (leider undankbare) Aufgabe machen. 

Danke für eure Arbeit 💜

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2 Kommentare zu „Respekt

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  1. Ja. Jeder Arbeit ist wichtig. Man stelle sich mal vor, es würde niemand diese „niederen“ Arbeiten machen. Dass immer nur die Top-Jobs als wichtig und wertvoll angesehen werden, finde ich schlimm.

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    1. Das will ich mir gar nicht vorstellen. Ich will gar nicht wissen, wie widerlich öffentliche Toiletten wären, wenn da niemand sitzen würde.. Wie Bus und Bahn aussehen würden, wenn keine Putzkolone anrücken würde… Ne mich gruselt es bei dem Gedanken…

      Gefällt 1 Person

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