Scherbenweg

Von der, die nicht zwischen Scherben tanzen wollte…

Es war einmal ein langer Weg. Dieser Weg war voll von scharfen Glasscherben, die groß und sichtbar waren und solchen Scherben, die klein und fast nicht zu sehen waren. Diese sind über die Jahrhunderte dort auf dem Weg verteilt worden und Frauen mussten ihn entlang laufen, weil ihnen gesagt worden ist, sie dürften den zweiten Weg nicht nutzen, den, der frei von diesen Gefahren war. Sie wurden mit Gewalt und Unwissen davon abgehalten den freien Weg entlang zu laufen und sie dachten, sie müssten den Weg mit den Scherben für immer benutzen. Ihnen wurde eingeredet sie seien nicht rein genug, obwohl sie tief im inneren wussten, dass es einst anders war. Einst teilten sich alle einen Weg…

Manche lernten zwischen den Scherben zu tanzen, andere blieben auf einer Stelle stehen. Dennoch, auch sie verletzten sich. Was sollten sie auch tun? Der andere Weg war ihnen verboten worden und wenn sie versuchten dort hinzu gelangen wurden sie zurückgedrängt, mit Feuer, Schwert und Schmerz. Die, die zwischen den Scherben tanzten, schubsten die, die laufen oder stehen wollten, in die Scherben hinein um sich selbst zu schützen. Das gefiel denen auf dem anderen Weg und sie mochten die, die zwischen den Scherben tanzten um ihnen zu gefallen.

So war der Scherbenweg voll von Klagen der Verletzten und Verzweifelten. Er war laut von der Stille, die die Frauen in ihrem Inneren fest hielten. Es war voll vom geübten Lachen der Scherbentänzerinnen, die gelernt hatten, wie sie nahezu verletzungsfrei leben konnten, bis sie die auf dem anderen Weg langweilten.

Eines Tages aber, ganz am Anfang des Weges, stand eine und schaute auf den Scherbenweg, der sich weiter als sie blicken konnte, vor ihr erstreckte. Sie wollte nicht stehen, sie wollte nicht zwischen Scherben tanzen.

Sie beugte sich hinunter und strich mit ihrer Hand leicht über eine Scherbe. Sie konnte sie bewegen. Da nahm sie einen Ast, an dem noch Blätter hingen vom Wegesrand und wischte die Scherbe weg. Ein kleines Stück vom Weg war frei und sie konnte ohne Gefahr darauf laufen.

Noch ein Wisch und noch mehr freier Weg. Scherbenfrei.

So nahm sie den Ast und wischte den Weg. Die Scherben flogen nach beiden Seiten weg und je mehr Weg frei wurde, desto mehr Platz bot er den anderen Frauen auf ihrem Weg.

Das Wischen blieb nicht lange unbemerkt. Auf dem zweiten Weg wurde das Wischen argwöhnisch betrachtet und Unmut machte sich breit. Ein reiner Weg für solch unreine Geschöpfe? Wollen sie sich etwa uns gleich fühlen?

Je mehr Weg von den Scherben befreit wurde, desto mutiger und fröhlicher wurden die Frauen. Immer weniger tanzten zum Vergnügen der anderen und immer mehr reichten einander die Hand um gemeinsam ihren Weg von den Scherben zu befreien.

Das gefiel den anderen immer weniger und sie versuchten, mit Feuer und Worten, Angst und Krieg die Frauen davon abzuhalten, ihren Weg zu reinigen. Sie versuchten einige Frauen zu bezirzen und ihnen einzureden, sie bräuchten nicht mit ihren Schwestern leben und wachsen. Sie boten ihnen scherbenfreie Gärten an, in denen sie sich frei bewegen konnten und erwähnten den gläsernen Zaun nicht, der die Gärten zu Käfigen machte. Dafür mussten die Frauen nur tanzen und ihnen gefällig sein.

Die Frauen aber wischten weiter die Scherben hinfort und ließen sich nicht umgarnen. Dennoch verloren sie viele Schwestern durch die Gewalt der anderen. Manche gaben auf und gingen in die Gärten.

Von dort riefen sie den Frauen zu “Lasst das Wischen. Es ist genug. Kommt zu uns in die Gärten.” Von denen auf dem anderen Weg wurden sie als Hexen beschimpft, sie wurden gefangen, verbrannt…

Die Frauen, die auf dem Weg blieben, machten weiter, den Blick nach vorne gerichtet, in die Zukunft und die Zukunft ihrer Töchter. Sie wollten nicht zwischen Scherben tanzen. Sie wollten nicht, dass ihre Töchter zwischen Scherben tanzen müssen.

Sie machten weiter. Wischten ihren Weg frei, wischen noch heute.

Heute, wo der Weg lang nicht zu Ende ist, wischen sie weiter die Scherben weg, in der Hoffnung und dem festen Glauben daran, eines Tages einen scherbenfreien und sicheren Weg zu haben. Ihren eigenen, durch ihre Arbeit und die Arbeit derer die vor ihnen waren befreiten Weg. Für sich, ihre Töchter und deren Töchter.

Sie wischen und kämpfen damit weiter, gegen Unterdrückung, Gewalt und Leid. Sie ertragen Spott und Häme, Angriffe und die Blicke derer, die in den Glaskäfigen sitzen und sich frei fühlen. Denn auch für sie wird der Weg frei gemacht.


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4 Kommentare zu „Scherbenweg

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