„Merkt man ja gar nicht….“

“Merkt man ja gar nicht…”

Vor ein paar Wochen war ich mit einem Bekannten verabredet um mir Bücher über das Asperger Syndrom auszuleihen und ihm zwei meiner Bücher über Autismus vorbeizubringen.

Mich interessiert das Thema seit einer ganzen Weile weil ich das Gefühl habe, mit meiner Sozialphobie und meinen Spleens überschneiden sich “einige” Verhaltensweisen, daher lese ich viele Dinge, die mit ASS (Autismus Spektrum Störung) zu tun haben.

Nun, jedenfalls hat dieser Bekannte ein Kind, welches dieses Jahr die “Diagnose” bekommen hat und da er oft von den Tagesabläufen berichtet, bildete sich in meinem Kopf ein Bild vom Kind. Obwohl ich weiß, dass es unglaublich viele Facetten von ASS gibt und obwohl ich weiß, dass ich das Kind erst einmal kennenlernen muss, bevor ich mir ein Bild erlauben kann.

Ich erwartete ein Kind, welches sich entweder in eine Ecke verzieht und mich nicht wahrnimmt oder ein wütendes Kind, welches komplett ausrastet, weil ich seinen “sicheren” Raum betrete und ein ungebetener Fremdkörper bin.

Ich erwartete aber nicht, dass dieses Kind fröhlich auf mich zurennt, mir seine Piratenmemorykarten zeigt, mit mir spielen will und plappert wie ein Wasserfall.

Als ich mich dann verabschiedete, sagte ich meinem Bekannten folgendes

“Also, wenn man es nicht weiß, dann merkt man es ja gar nicht.”

Damit trat ich in ein dickes Fettnäpfchen, ach was sag ich, ich machte eine Arschbombe in die Friteusse.

Denn was von mir überhaupt nicht böse gemeint war, sondern als “Kompliment”, kam ganz anders an wie ich gestern erfahren habe. Dafür auch hier nochmal an dieser Stelle eine Entschuldigung.

Denn mit meinem Spruch negierte ich die Erfahrung die mein Bekannter mit seinem Kind hat. Ich negierte jeden Wutanfall, jeden Meltdown, jedes Zweifeln an der eigenen (Erziehungs)kompetenz.

“Merkt man ja gar nicht” war die verbale Ohrfeige die folgendes aussagt “was willst du eigentlich, das Kind ist doch normal.”

Und ich befeuerte das Vorurteil vom “guten” “sichtbaren” Autisten, dem, der nicht spricht, mit dem Körper schaukelt und ausrastet, wenn man ihn anfässt. Und das war unüberlegt und dumm von mir. Ich habe erwartet, dass man es dem Kind ansieht und war damit diskriminierend ihm und den Eltern gegenüber.

Bei den Göttern, alleine der Begriff “Autismus Spektrum” sagt ja schon, dass es zahlreiche Facetten gibt und nicht jeder Autist nach Schema F funktioniert. Denn so wie es den nichtsprechenden Autisten gibt, gibt es auch die, die einem eine Boulette ans Ohr quatschen.

Ich bin meinen eigenen Vorurteilen auf den Leim gegangen und habe wieder was gelernt und konnte so mein eigenes Verhalten und meine Vorurteile reflektieren.

Denn nachdem ich mich gestern für meinen unüberlegten Spruch entschuldigt habe fing ich an nachzudenken.

Dadurch, dass ich (krankhaft) schüchtern bin, schnürt es mir oft genug den Mund zu. Um Konfrontation zu vermeiden, behalte ich lieber etwas kaputtes als es umzutauschen. Ich telefonieren unglaublich ungerne und mir fällt es schwer Kontakte zu knüpfen und zu halten.

Wenn ich allerdings in meiner sicheren Umgebung (zu Hause, Arbeit, bei meiner Mutter) bin, dann, und jetzt kommt es, merkt man es mir nicht an. Wenn ich mich wohl und sicher fühle, dann tanze ich auch schon mal an der Stange und quatsche Leute in Grund und Boden. In einer Umgebung, die ich nicht kenne, wo ich die Leute nicht kenne, ist es für mich eine unglaubliche Arbeit zu “funktionieren” und danach bin ich körperlich wie seelisch fertig und brauche Zeit um wieder aufzutanken. 


Um es kurz zu machen: dieser Sozialkram strengt unglaublich an.

Mir wurde auch oft gesagt, dass ich doch gar nicht schüchtern bin und ich fühlte mich komisch dabei.

Denn es negierte ja meine Erfahrung mit meinen sozialen Stolpersteinen und ich habe den kaputten Mixer zu Hause, weil ich mich nicht traue ihn umzutauschen.


Auch die Aussagen mir gegenüber waren nicht beleidigend gemeint, sondern eher aufmunternd und als Kompliment. Denn ich solchen Momenten sieht man mich ja nur tanzen und lachen.

Das ich danach vor Überforderung und Überreizung weine, dass ich kaum noch klar denken kann, weil mich Eindrücke erschlagen  dass sieht man nicht.

Und so oder so ähnlich wird es wohl auch meinem Bekannten mit seinem Kind gehen.

Und das alles, weil wir bestimmte Bilder im Kopf haben, wie “andere” sein müssen und zu leicht in die Schwarz/Weiß Falle tappen.

Wir erwarten, dass man “anderes” sieht, ansonsten existiert es in unseren Köpfen nicht. Das man Depressionen, Sozialphobie oder Autismus nicht sehen kann, macht es aber nicht nichtexistent. Es ist da und wenn jemand sagt, er lebt damit, dann sollten wir das ernst nehmen und unser eigenes Bild reflektieren.

Macht euch einen schicken Tag 💜

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3 Kommentare zu „„Merkt man ja gar nicht….“

  1. Huhu Roksana,
    was soll ich sagen…Same here. Ich bin zwar so gut wie ständig überfordert, hasse es, wenn ich mit Fremden telefonieren muss oder ich mit einer Situation umgehen muss, die ich nicht kenne oder einschätzen kann. Und was sagen diese Menschen (die Hebamme zu Beispiel, bei der Anmeldung im Krankenhaus zur Geburt) zu mir: „Du bist aber entspannt.“ oder „Dich kann nichts so schnell aus der Ruhe bringen, oder?“ Ha. Sehr witzig. Ich scheine eine Blenderin zu sein.
    Davon abgesehen habe ich so ziemlich alle freakigen Eigenschaften, die du auch hast. Ich kenne mich mit Asperger-Autismus nicht so wahnsinnig gut aus, dafür aber ein bisschen mit Hochsensibilität. Und ich will mir keine Diagnosen anmaßen, damit ich mich mal wieder freuen kann, weil ich nicht allein bin mit meiner „Befindlichkeit“ aber alles was du schreibst klingt ziemlich danach….
    Davon abgesehen: Was wäre das für eine friedliche Welt, wenn alle so reflektiert wären wie du…

    Sabrina

    Gefällt 2 Personen

    1. Hey Hey.. Ich denke es hat weniger mit „blenden“ zu tun sondern es sind angelernte sozial akzeptierte Verhaltensweisen die wir erlernen, wo wir aber leicht scheitern oder überfordert werden, weil es eine unglaubliche Anstrengung bedeutet. Was bei anderen so leicht aussieht ist quasi schwerstarbeit für uns…

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