Windelfrei mit drei

Windelfrei mit drei

Wenn man meiner Mutter Glauben schenken darf, war ich mit weniger als einem Jahr trocken. Selbst nachts stand ich auf, kletterte aus meinem Bettchen, entfernte meine Windel, pullerte und kletterte mit nacktem Hintern ins Elternbett. In dieser Zeit schrieb ich auch mein erstes Sonett und sprach sieben Sprachen, eine davon Klingonisch. Ich kleines Wunderkind.


Als ich anfing, als Erzieherin zu arbeiten landete ich eher per Zufall in der U3 Betreuung. Zum besseren Verständnis, ich sah mich nie als Krippenerzieherin, ich wollte mit Kindergartenkindern oder in der Schule arbeiten. Nun war ich aber in der Krippe gelandet und hatte keinen Plan von gar nichts. Damals (2003-2007) war Krippenpädagogik das ungeliebte Stiefkind in der Ausbildung und wir lernten praktisch nichts darüber. So auch nichts über das Trocken werden. Ist das heute anders? Wird die Krippenpädagogik heute intensiver gelehrt?Würde mich freuen, wenn ihr mir dazu in die Kommentare schreibt.


Ich hatte zwei Kolleginnen, die beide schon ewig im Beruf waren und selbst Mütter und lernte sehr viel von ihnen. Manches war gut anderes war schlecht. Eine von ihnen war schon in der DDR tätig gewesen und auch wenn sie die Kinder nicht mehr topfte, also alle kollektiv Pipi machen mussten, so setzte sie die Kinder zur Gewöhnung vor dem Schlafen (also direkt nach dem Essen und während des wickeln) kurz aufs Töpfchen. Zum Sommer hin ließ sie in Absprache mit den Eltern die Windeln weg und schaffte es, dass zum Wechsel in den Kindergarten die gesamte Gruppe mehr oder weniger trocken war. Es war eine Menge Arbeit jedes Kind permanent zu fragen, ob es mal muss. Ich glaube, die Kinder hatten von der ganzen Fragerei die Nase irgendwann voll und wurden nur trocken, damit wir das Interesse an ihren Ausscheidungen verlieren und sie endlich in Ruhe spielen konnten.

Als ich die Arbeitsstelle wechselte, erlebte ich einen regelrechten Kulturschock als ich erfuhr, dass mehr als die Hälfte “meiner” Kinder noch mit 3 Jahren eine Windel trug. Denn in der ersten Kita habe ich gelernt, dass Kinder mit Eintritt in den Kindergarten trocken zu sein haben. Muss so, weil isso.


Während in meiner alten Kita nach dem Prinzip “das muss jetzt so” gearbeitet wurde, war die neue Kita eher vom Schlag “das wird schon noch” und damit sehr entspannt. Und Tatsache, über die Monate wurde ein Kind nach dem anderen seine Windel los. Ich kann natürlich nicht sagen, wie es zu Hause war, in der Kita zumindest gab es dahingehend keinen Druck und auch wenn was daneben ging, wurde es mit “das passiert schon mal” quittiert, das Kind wurde umgezogen und dann ging es eben weiter.


Als Lotti auf die Welt kam, war mir dann von Anfang an klar, dass sie es selbst entscheiden soll, wann sie keine Windel mehr braucht. Das Windelfrei Konzept wie auch Ausscheidungskommunikation lernte ich erst relativ spät kennen, finde es super interessant aber für mich persönlich nicht praktikabel. Wenn sich jemand dahingehend belesen möchte findet am Ende des Textes einige Links.


Sobald Lotte sitzen konnte, machte ich sie mit dem Töpfchen bekannt, einfach damit sie es kennt und keine Angst entwickelt. Sie lernte auch relativ früh die Toilette kennen, immerhin schleppte ich das Kind immer mit mir mit. So saß sie ab und an auf dem Töpfchen oder mit im Badezimmer, war eben dabei, wenn ich mal musste.


Mit etwa eineinhalb Jahren ließ ich Lotte so oft es ging nackig herumlaufen. Sie war unglaublich fasziniert davon, dass sie etwas produziert und entwickelte ein unglaublich großes Interesse an den kleinen Toiletten im Kindergarten. Sie saß furchtbar gerne drauf und vor allem das abreißen des Klopapiers und das Abwischen waren eine gern gespielte Aktivität. Mehr als einmal verstopfte sie so die Toilette.

Bei ihrem Interesse an dem Vorgang war ich felsenfest davon überzeugt, sie würde kurz nach ihrem zweiten Geburtstag trocken sein.


Und dann wurde ich schwanger mit Motti und je weiter die Schwangerschaft fortschritt, desto mehr verweigerte sie das Klo. Sie ließ sich auch nicht mehr gerne wickeln, vor allem nicht von mir. Sie sagte auch nicht mehr Bescheid, wenn sie gekackert hat und machte dahingehend (für mich) einen Rückschritt. Auch ging sie nicht mehr im Kindergarten auf die Toilette, wie ich bei einem Gespräch mit ihrer Bezugserzieherin erfuhr. 


Windelfrei mit zwei hatte sich damit jäh erledigt. Ich war zum Anfang hin enttäuscht darüber, sah auch zuerst nicht, dass ihr Schritt zurück mit meiner Schwangerschaft zu tun hatte und sie mit dem Verweigern wenigstens eine Sache kontrollieren konnte. Ich denke, sie wollte nicht “groß” werden und trocken werden gehörte irgendwie dazu. Denn sie merkte ja, wenn sie mal musste. Jedes Mal wenn sie groß musste, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und kam nicht mehr raus.


Nun gut, uns blieb also nichts anderes übrig als es eben zu akzeptieren und ihr ihre Zeit zu lassen.

Als sie dann im Februar drei wurde, wurde ein Teil meiner Familie nervös. Sie muss doch jetzt langsam mal trocken werden. Es hat doch früher so gut geklappt. Soll sie denn noch mit sechs Jahren eine Windel tragen. Sie kommt doch bald in den Kindergarten. Und so weiter und so fort… Mehr als einmal musste ich mein Kind verteidigen und dahingehend ein Machtwort sprechen. Ich wollte sie nicht zwingen. Es gab Tage, da fragte ich sie ob sie es ohne Windel probieren möchte, was mal klappte und mal nicht. Ich ließ sie machen und vertraute darauf, dass ihre Zeit dafür schon kommen wird. Bei der U-Untersuchung im März fragte die Kinderärztin kurz nach ob Lotti noch eine Windel trägt und versicherte auch hier nochmal, dass sie alle Zeit der Welt hat.


Ende April, Anfang Mai merkte sie es immer besser und lief zum Töpfchen, zog sich alleine die Windel aus. Manchmal kamen nur ein paar Tropfen, manchmal kam gar nichts aber sie ging immerhin.

Beim großen Geschäft zog sie sich immer noch in ihr Zimmer zurück. Nach einer Weile lief sie ohne Windel herum und kam dann mit dem Wunsch nach einer Windel, wenn sie groß musste. Dann bekam sie eine um und ließ sich kurz darauf sauber machen. Manchmal vergaß sie es und war ganz unglücklich darüber, dass ihr Schlüpfer dreckig war. Ich säuberte sie, versicherte ihr, dass es nicht schlimm ist, dass es eben mal passiert und tröstete sie. So lief das bei uns eben ab. Keine Ahnung ob es jetzt das Patentrezept ist, bei uns hat es so funktioniert. 


Bis vor zwei Wochen als wir zu Besuch bei einer Bekannten waren. Sie hatte keine Möglichkeit sich zurückzuziehen also ging ich mit ihr zum Wickeltisch und sah, dass sie noch nicht fertig war. Ich hatte nur eine Windel dabei, die wir für die Stunde Rückfahrt brauchten. Ich sagte ihr, dass wir jetzt gemeinsam aufs Klo gehen und ich ihr helfe sich dort festzuhalten und bei ihr bleibe. Sie stimmte zu und wir versuchten es.

Es klappte und seitdem ist der Knoten geplatzt. Sie ist den ganzen Tag ohne Windel und bis auf kleinere Tropfen ist nichts weiter passiert. Abends bekommt sie eine Windel um, da sie nachts viel trinkt und einen sehr festen Schlaf hat und sie eben erst drei ist. Sie ist aber sehr stolz darauf, dass sie es selbst geschafft hat.


Ich schrieb weiter oben, dass ich aufgrund ihres Rückschritts enttäuscht war und das stimmt auch so. Sie hatte ja einen triftigen Grund dafür und den sah ich nicht. Ich habe nicht gesehen, dass sie mit meiner Schwangerschaft doch mehr gefordert war und es sie auch überfordert hat. Sie wusste, etwas würde sich in nächster Zeit ändern und so wählte sie den Weg, wenigstens eine Sache kontrollieren zu wollen. Für sie ganz logisch, für mich schwer zu akzeptieren.

Ich musste mir in diesem Punkt selbst auf die Finger klopfen, denn was hatte mein Kind denn für eine Wahl gehabt? Gewickelt werden bedeutet auch extra Zeit und Körperkontakt.

Ich glaube, ich habe sie meine Enttäuschung auch spüren lassen, daher ihre Weigerung sich von mir wickeln zu lassen. Als ich es akzeptierte und mich entspannte ließ sie es wieder zu.

Als für sie die Zeit reif wurde, von der Windel und damit vom “klein sein” Abschied zu nehmen, tat sie es aus freien Stücken und selbstbestimmt.

Das sagt sie auch so. “Ich bin jetzt groß und brauche keine Windel mehr.”


Mir ist bewusst, dass es wieder Rückschritte und Unfälle geben kann (und wird) und werde sie daher so gut auffangen wie es mir nur möglich ist. Auf keinen Fall werde ich (wieder ; bewusst oder unbewusst) Druck ausüben und auch wenn ich wieder arbeiten gehe, werde ich den Kindern so viel Zeit lassen, wie sie benötigen.


Von dem Gedanken, dass Kinder mit spätestens 3 Jahren trocken sein müssen, habe ich mich verabschiedet. Es macht weder das Kind noch mich glücklich, wenn Druck ausgeübt wird.



Bei Kidzchaos gibt es einen extrem guten Artikel mit vielen Hintergrundinformationen dazu. 


Links zu Windelfrei/Ausscheidungskommunikation


Beim Hebammenblog trifft sich Jana mit Franzi Karagür vom Blog einfach klein.

Hier noch eine PDF Datei des Unerzogen Magazins

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4 Kommentare zu „Windelfrei mit drei

Gib deinen ab

  1. Ich schon wieder…
    Also in meiner Ausbildung (2006 bis 2009 in NRW) kam Krippenpädagogik so gut wie nicht vor. Bis auf ein paar entwicklungspsychologische Grundlagen wurden Kinder unter drei ausgeklammert- es war wichtiger zu lernen, wie man eine Klanggeschichte erfindet und der Rechtssanspruch auf einen Kita-Platz ab einem Jahr war noch kein Thema.
    Als ich dann ein paar Jahre später in der Krippe gerabeitet habe, hatte ich keinen Plan. Es war „Learning bei Doing“. Heute finde ich das fast fahrlässig den Kindern und Eltern gegenüber. Ich habe dann eine Weiterbildung zur Pikkler-Pädagogik gemacht und ein paar wichtige Dinge gelernt. Und trotzdem fällt es mir als generell ungeduldigem Menschen schwer, meinem Kind Zeit zu geben. Ich muss mich da echt disziplinieren. Sie ist jetzt knapp 10 Monate alt und krabbelt noch nicht, andere Kinder in ihrem Alter schon längst. Als Erzieherin weiß ich, dass das ein Unding ist, dieses Vergleichen, als Mutter fällt es mir wahnsinnig schwer, das abzustellen….

    Gefällt 1 Person

  2. Bei uns in der Krippe läuft es ähnlich wie bei deiner ersten Krippenstelle. Natürlich ohne Zwang, niemand muss sich aufs Töpfchen setzen und wer mag, darf die Windel anbehalten. Da läuft das eher über die Vorbildfunktion, weil fast alle der größeren Kinder auf die kleine Toilette gehen. Die kleineren Kinder werden da recht spielerisch herangeführt, dürfen mal die Spülung betätigen bzw. sind dabei, wenn die Großen gehen, weil der Wickeltisch auch im Bad ist. Da die Gruppe recht klein ist, können sich die zwei Erzieherinnen auch ziemlich gut um jeden einzeln kümmern, meist sind es nur 7-9 Kinder insgesamt. Somit ist quasi auch „Zeit“ für die Pinkelunfälle – das war in unserer alten Krippe anders, da hatte ich eher das Gefühl, dass etwas aus Bequemlichkeit gewickelt wird… Also ich will da nix unterstellen, die waren superlieb, aber da wurden selbst die Kinder gewickelt, die zu Hause zT schon trocken waren. Ein bisschen kann ich es sogar verstehen, gerade im Winter, wenn dann noch Erzieher krank und es sowieso schon wenige sind.
    Naja, long story short: so wurde Lene jedenfalls schneller windelfrei als ich gedacht hatte bzw. bevor ich anfangen konnte, mich zu stressen. Weil zugegeben: Ich weiß, dass es Quatsch ist, aber trotzdem ertappe ich mich hin und wieder beim vergleichen. Doof, ich weiß.
    Liebe Grüße und ein feines Wochenende euch!
    Martina

    Gefällt 1 Person

  3. Meine Tochter war vier, als ich beschloss, das mit dem Trocken werden anzugehen. Tagsüber klappte das bereits, aber nachts windelten wir noch. Ich habe die ersten drei, vier Nächte nasse Bettwäsche und Höschen gewechselt, dann tat ich, was man nicht soll, ich setzte das halb schlafende Kind gegen Mitternacht aufs Klo. Sie machte ihr Geschäftchen und der Rest der Nacht war eine trockene Sache. So verfuhren wir noch ein paar Tage, dann liess ich sie wieder schlafen. Und siehe da, sie war nachts trocken. Wie gesagt, erst mit vier. Na und?
    Ich wünsche euch schöne Pfingsten 🙋

    Gefällt 1 Person

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