Dreckstage

Einfach mal für ein wenig mehr Realität. 

Es gibt bei mir so Tage, da bin ich jemand, den ich nicht leiden kann. Manchmal war die Nacht anstrengend oder ich habe Sorgen, die sich nicht einfach abschütteln lassen. 

Da stehe ich morgens auf und bin einfach scheiße drauf. Wäre ich jetzt alleine, wäre das alleine mein Problem, welches ich mit Süßkram und einer halben Tonne Kaffee halbwegs ersticken könnte um zu funktionieren. 

Ich bin aber nicht alleine, sondern muss auch an solchen Tagen an denen ich dünnhäutig wie sonstwas bin, zwei Kinder anziehen, füttern, Frühstück machen, Zähne putzen und so weiter und sofort. Den Tagesablauf interessiert meine Laune nicht.

Einer dieser Tage war der letzte Dienstag im Mai. Die Nacht war ziemlich anstrengend, da Motti in letzter Zeit die Nacht zum Tag macht und das sehr lautstark. Ich hab schon ein paar Mal erwähnt, dass sie aus Freude kreischt… Joa, wenn sie sauer (müde, hungrig) ist, kreischt und brüllt sie als würde man ihr die Haut abziehen. 

Beide Kinder waren um halb sechs wach und ich zu diesem Zeitpunkt mehr Zombie als Mensch. Ich stand auf, ließ beide (gesichert) im Familienbett spielen und wollte zur Toilette. Als ich die Schlafzimmertür öffnete, sah ich schon das Massaker. Die Tür zur Küche war auf und der Hund hat sich über das „all you can destroy“- Bufett hergemacht. Wohnzimmer, Flur und Küche waren voll mit Müll. 

Ich war stinksauer. Das war echt so ein Kackstart. Also musste ich als erstes die Bude aufräumen. Ich motzte vor mich hin und beeilte mich, denn im Schlafzimmer wurde es unruhig. Kurze Pause, beide Kinder ins Kinderzimmer zum Spielen verfrachtet und weiter gemacht. 

Das Problem ist, die Kinder spüren das natürlich, wenn Mutti angespannt ist und das überträgt sich auf die Kinder. Beide fingen an zu quengeln und zu jammern, was mich zusätzlich stresste. Ein Teufelskreis.

Gut geschafft, die drei Räume waren dann begehbar und ich kümmerte mich um die Kinder. Anziehen, stillen, Frühstück machen. (Ich war übrigens immer noch nicht auf dem Klo).

Ich schnitt Lottes Stulle falsch. Muss ich erwähnen, dass es einen Wutanfall auslöste? 

Wir hatten keine Apfelschorle mehr. Muss ich erwähnen, dass kaum als der erste Wutanfall vorbei war, der zweite folgte?

Motti krabbelte, strauchelte und stieß sich die Stirn. Auch hier Tränen.

Es war gerade halb acht und ich war komplett bedient. Ich war unfair zu den Kindern, motzte und saß dann irgendwann heulend im Flur, Motti vor mir, Lotte neben mir. Sie weinte und kuschelte und ich weinte. 

Ich hatte inzwischen auch Kopfschmerzen bekommen. Ich war seit 5 Uhr wach, war bis dahin nicht auf dem Klo, hatte weder gegessen noch etwas getrunken. Ich war komplett überreizt und kurz vorm platzen.

In diesem Moment war ich in meinen Augen ne richtig beschissene Mutter. Meine Kinder litten und ich litt, weil sie litten und ich daran schuld war. Ich konnte nicht mehr. Am liebsten hätte ich mich im Bett verkrochen und den Tag ausgesperrt. Ich entschuldige mich bei Lotte dafür, dass ich laut geworden war. Mehr konnte ich nicht tun. Wir saßen im Flur und kuschelten, beide erschöpft.

Es gibt sie, diese Dreckstage, Tage die schon morgens gelaufen sind, an denen man das Gefühl hat, nur zu versagen. An denen man sich fragt, wie andere das schaffen, so ganz allein…

Nur davon hört oder liest man selten. Weil wir durch den äußeren Druck und den eigenen gezwungen sind zu funktionieren. Weil man suggeriert bekommt, man wäre nur dann gut, wenn man es schafft und auch noch aussieht, als wäre das Leben mit zwei kleinen Kindern ein Spaziergang. Unsere Sorgen haben im Tagesablauf mit Kindern nichts verloren. Selbst wenn wir keine Kinder haben wird von uns erwartet, dass wir gefälligst Happy sein sollen, mit Kindern steigt diese Erwartung in ungeahnte Höhen. Wie können wir es wagen zu weinen, wir müssten doch glücklich sein.  Und irgendwann läuft unser Ventil über, dann ist alles zu viel. Dann reicht eine zerstörte Mülltüte und man fällt (oder zumindest ich) in eine Spirale, aus der man nicht so leicht wieder raus kommt. Der Mann war ja schon längst weg, durch die Frühschicht hat er das Haus schon um kurz nach fünf Uhr verlassen. Wenn er da gewesen wäre, hätte ich kurz durchatmen können, wieder runter kommen.

Wie ging es weiter?

Mein Handy klingelte und ich ging ran. Am anderen Ende der Leitung war meine Mutter, die fragte, ob sie Lotte in die Kita bringen soll, sie wäre gerade in der Nähe und könnte das mit ihrem Nachhauseweg kombinieren.

Es war Zufall, dass sie anrief und ich nahm dankbar das Angebot an. Als sie ankam, freute sich Lotte und auch ich konnte durchatmen. Wir fuhren gemeinsam los und meine Laune besserte sich langsam auch wenn ich noch im Bus sehr schlecht drauf war. 

Ich war nur froh, aus dieser Situation raus zu sein. Ich war froh, Unterstützung zu haben und bin meiner Mutter dankbar.

Ohne den Anruf und die damit verbunden „Erlösung“ wäre der Weg in die Kita sehr unentspannt und anstrengend gewesen. Ich brauche eine Weile um mich von solchen Ereignissen wie dem Müllmassaker zu erholen, denn nicht nur der Müll störte und war eklig, sondern es torperdierte meine Routine und meinen Zeitplan. Mag für manche langweilig klingen, mir gibt es Sicherheit.

Der Tag wurde letztendlich doch noch schön. Wir verbrachten einen ruhigen Tag bei meiner Mutter und fielen abends müde ins Bett. Aber dieser Morgen war scheiße genug für einen ganzen Tag.

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7 Kommentare zu „Dreckstage

Gib deinen ab

  1. Ja, solche Tage und die dazu gehörenden Gefühle kennt jeder.

    Für mich ist es einfacher, damit umzugehen, seit die Kindet etwas größer sind (4 und 6) – denn jetzt verstehen sie es, wenn ich sage: „Tut mir leid, dass ich euch angemotzt habe. Ich habe mich über *wasauchimmer* geärgert.“

    Dann drücken wir uns, ich sage: „Soll ich euch mal was sagen Kinder“ und die Kinder sagen: „Du hast uns lieb“.

    Und dann ist das, was mich vorher zum motzen gebracht hat nur noch halb so schlimm.

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  2. Ich bin immer froh, wenn Mütter mal Klartext reden und nicht immer nur rumsäuseln. Natürlich lieben wir unsere Kinder. Aber den Schlafmangel, das ständige fremdbestimmt sein, das Gefühl der Überforderung, die Ängste, das schlechte Gewissen, die Notwendigkeit, die eigenen Bedürfnisse immer hinten an zu stellen und die verloren gegangene Privatsphäre – das lieben wir NICHT! Wobei es genügend Mamas gibt die behaupten, sie bräuchten keine Auszeit vom Kind. Die sehen immer aus wie aus einer Modezeitschrift entsprungen, sind morgens gut gelaunt und erheben nie die Stimme. Ähm ok, die sind Übermenschen oder so.
    Ich gehe morgens auch immer als Erstes aufs Klo – nur für den Fall, dass später keine Zeit mehr bleibt ;-)))

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    1. Ach, und ich bin auch so eine Heulsuse, wenn ich gestresst bin. Bis jetzt lacht sich meine Tochter immer schimmelig, wenn sie mich so sieht. Also habe ich wenigstens zu ihrer Erheiterung beigetragen, wenn ich das Gefühl habe es geht nix mehr…

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  3. Kann ich total nachvollziehen. Manche Tage SIND kacke. Und ich auch. Und alles ist dann doof. Da wurschtelt man sich irgendwie durch. Und ich knalle auch mal mit Türen, wenn es mir bis Oberkante Unterlippe steht. Aufschreiben hilft mir übrigens immer mich wieder zu sortieren und auch drüber lachen zu können. 🙂

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      1. Ich werde auch laut und habe auch eine laute Stimme. Ich kann eine Klasse mit 32 randalierenden 5. Klässlern problemlos übertönen. Ich werde nie eine leise säuselnde Mama. Ist so. Hab ich mich mit abgefunden. Würde auch nicht zu mir passen.
        So wie ich mich laut ärgere, so freue ich mich aber auch laut. Die Kinder wissen das. Und sie zucken nicht mit der Wimper, wenn ich laut bin. Ich denke, wenn man ehrlich seine Gefühle zeigt, und zwar alle, dann ist es egal ob das laut oder leise ist. Wichtiger ist, dass man berechenbar und zuverlässig für die Kinder da ist. Und so liebt man seine Kinder ebenso stürmisch, wie man dann eben auch mal Lautstärkenmäßig ausflippt.
        Wenn ich ganz schlimm drauf war, tut mir das auch leid. Und das sage ich dann auch. Und wir kuscheln und manchmal weine ich dann auch. Aber am Ende ist alles gut. Weil wir reden darüber. Und wir gehören zusammen. Ich sage den Kindern auch, dass sie ja manchmal auch total daneben sind und laut rum brüllen. Sie dürfen das auch. Sie lassen ihre Gefühle raus. Das ist gesünder, als alles runter zu schlucken.
        Ich glaube, man macht sich als Mama viel zu viele GEdanken. Ich erinnere mich auch, dass meine Mama früher öfter schon mal ausflippte. Aber ich fand das nie schlimm. Ich fühlte mich weder bedroht noch ungeliebt. Weil unterm Strich bekam ich mehr Liebe, als Ärger zu spüren.

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