Würg ey..

-dieser Beitrag kann Spuren von Sarkasmus und Würgereiz beinhalten- 

Motti brabbelt zufrieden vor sich hin und zieht sich immer wieder ihren Sommerhut vom Kopf. Sie patscht mit ihren winzigen Händchen auf mir rum, sabbert und freut sich des Lebens. Baby müsste man sein, da ist einfach alles niedlich was man tut. Den ganzen Bus unterhält sie mit ihrem „pfffffffft“ und „brrrrrrmmmmmm“, winkt jedem zu, der sie anlächelt.

An unserer Haltestelle steigen wir zusammen mit einer weiteren Mutter und ihren zwei Töchtern aus. Dazu noch ein Mann, der sich augenscheinlich auf dem Weg zur Arbeit befindet. Zusammen warten wir auf den Fahrstuhl der zur Ubahn Station führt. Es ist bewölkt aber schwül warm und ich schwitze. Kein Wunder, Motti sitzt im Tuch und wer schon mal mit einer Heizung gekuschelt hat, weiß wie warm das wird.

Die ganze Gruppe fremder Menschen steigt ein und der Mann spricht mit der Mutter, die Kinder kichern. Motti schaut zu den Mädchen und winkt. Das Winken hat sie gerade erst gelernt und demonstriert es jedem. Sie weiß, dass sie damit eine Reaktion hervorruft und findet es super.

Eine Reaktion bekommen wir, allerdings nicht so, wie wir dachten. Der Mann schaut mich an, dann Motti und an mein Baby gerichtet sagt er:

„Is det schön, wie du da hängst. An den Brüsten würde ich mich auch mal gerne festhalten.“

Mein Gesicht entgleist und mir entfährt ein „wie eklig“. Mehr konnte ich gar nichts sagen aber diese zwei Worte beschrieben doch recht genau das Gefühl in diesem Moment. Der Fahrstuhl hält an und der Mann steigt aus. Stampft davon. Sauer.

Und hier, meine Lieben, habe ich ich einen großen Fehler begangen. Ich habe vollkommen falsch reagiert. Ich meine, durch meine Kleiderwahl, durch mein Verhalten und nicht zuletzt durch meine bloße Existenz habe ich doch diesen Spruch provoziert. Pardon, dieses Kompliment. 

Lasst es mich erklären.

Zuallerst die Kleiderwahl.

Ich stehe also morgens vor dem Kleiderschrank und überlege, was ich anziehen könnte. Ein Blick aus dem Fenster und auf die Wetter App sagt mir, es wird warm. Und anstatt das ich logischerweise nach dem dunklen Rollkragenpulli greife und dem dicken Wollschal nehme ich doch tatsächlich ein Tanktop heraus. Ich provokantes Luder. Darin sieht man meinen Körper. Komplettiert wird dieses verruchte Outfit mit einem schwarz roten Tragetuch in dem sich ein Baby befindet. Damit ziehe ich definitiv wie von mir beabsichtigt die Blicke auf mich. Ein Schelm wer denkt, ich hätte mich allein am Wetter und dem Wohlfühlfaktor orientiert.

Mein Verhalten.

Ganz das versaute Stück das ich nun mal bin, kümmere ich mich primär um mein Baby. Ich scherze und rede mit der Nachzucht und jedes meiner Worte ist eine Einladung an selbsternannte Alpha-Männchen. Mein Gang sagt nicht aus, dass ich es mit dem Knie hab, sondern, dass das Gewicht meiner Brüste zusammen mit dem Baby immer noch genug Spielraum für einen sich dranhängenden Otto bietet. Der fehlende Blickkontakt ist natürlich das eindeutigste Zeichen für „Kommentier mich schmutzig“. Kennt man, ist das selbe Gebiet wie „nein heißt doch eigentlich und voll sicher ja“. 

Meine Existenz

Meine bloße Existenz ist doch Beweis genug dafür, dass ich nur dafür lebe, solche Sprüche zu hören. Ich habe Brüste und die gehören kommentiert. Ist so. Ich brauch das doch als Frau. Da ist doch sicher irgendwo was falsch an mir gepolt, dass ich anstatt einem verschämten Erröten und einem gestammelten Danke mit einem „wie eklig“ reagiere. Irgendwas stimmt nicht mit mir, dass ich ein Problem mit Belästigung habe.

Ich habe doch eine Vorbildfunktion. Alleine schon für die beiden Mädels die sich mit im Fahrstuhl befanden, hätte ich anders reagieren müssen. Wie kann ich es denn bitte eklig finden, wenn mir ein wildfremder Kerl einen Satz zuwirft, der in mir ein Gefühl der Degradierung und der Scham hervorruft. Vor allem der Scham. Ja, ich habe mich geschämt und mich gefragt, womit ich das verdient habe. Dabei liegt die Schuld nicht bei mir. Ich habe nicht danach gefragt und nicht darum gebeten auf solche Weise angesprochen zu werden. 

Würg… Einfach nur würg. 

Ich muss ehrlich zugeben, mir ist so etwas schon lange nicht mehr passiert. Aber jedes Mal habe ich mich schuldig gefühlt. Ich wollte mich verkriechen. 

Denn so ein Spruch ist kein Kompliment. So etwas ist Belästigung. Degradierung. Objektifizierung. Ich stand morgens nicht vor dem Schrank und habe überlegt, mit welchen Outfit ich möglichst viel Nasenbluten hervorrufe, sondern was dem Wetter angemessen ist. Ich habe keinen Bock zu schwitzen, so einfach ist das. 

Eher sollte sich die (fremde) Gegenseite überlegen, ob es nicht einen kleinen Unterschied zwischen Kompliment und Belästigung gibt. Kleiner Hinweis: ein Kompliment reduziert das Gegenüber nicht auf sekundäre Geschlechtsmerkmale und hinterlässt auch nicht schlechte Gefühle. Nach einem Kompliment fühlt man sich nicht beschmutzt.

Aber vielleicht sollte ich beim nächsten Mal (bitte lass es kein nächstes Mal geben) demjenigen einfach vor die Füße kotzen.

Advertisements

2 Kommentare zu „Würg ey..

  1. Ich finde es super, dass du das „wie eklig“ noch rausgebracht hast.

    Ich bin ja in solchen Situationen meist so perplex, dass mir überhaupt nichts mehr einfällt. So weiß er zumindest, dass du es ganz sicher nicht als Kompliment aufgefasst hast…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s