Mein Body nicht positiv

Ist ja auch so ein Thema für sich oder?

Ob durchgephotoshoppte Models mit Beinen wie Streichhölzer, Bekleidungsgeschäfte bei denen ein 50 kg Mädchen Größe 40 anprobieren muss oder „echte Frauen haben Kurven“.. „Donnerschenkel“, „nur Hunde spielen mit Knochen“ etc etc

Der weibliche Körper wird kommentiert. Mal positiv, oft negativ und am häufigsten scheint es so als würde man über das neuste Modell eines Wagens reden anstatt über eine Person aus Fleisch, Blut und Gefühlen.

Von klein auf wurde mein Körper kommentiert. Und als ich dann in die Pupertät kam und die Höhe schoß, war ich dürr. Obwohl ich aß wie bekloppt. Mehr als einmal fiel die Frage ob ich magersüchtig sei oder mein Essen direkt wieder auskotzte. Und so etwas prägt. Ich, das hässliche, blasse Skelett. Die, die man nur anstupsen brauchte damit sie in der Mitte durchbrach. Mich will doch so keiner. Nur Hunde spielen mit Knochen…

Tatsache aber, je älter ich wurde, desto mehr gefiel ich mir so. Kleine Brüste, langer Hals, dünne Taille. Ich mochte mein xs, meine Größe 34.

Dann kam der Cut. Ich wurde depressiv und lag fast nur noch im Bett. Wenn ich aß, dann aß ich praktisch nur Müll. Süßkram und Fett. Dazu trank ich viel. Denn wenn ich nicht im Bett lag, dann feierte ich und trank. Ich spürte mich nicht mehr und meinen Körper schon mal gar nicht.

Zum ersten Mal nahm ich zu. Als ich dann auf einmal mein Lieblingshosenmodell in Größe 42 kaufen musste und gerissene Haut entdeckte, das war wie ein Faustschlag. Dabei war ich nicht das, was in den Medien als fett bezeichnet wird. Ich war aber übergewichtig, für meine Größe wog ich einfach zu viel. 72 Kg wog ich am Höhepunkt meiner Depression. Klingt nicht viel oder nicht „zu viel“ aber für mich, die mal 55 kg wog, war das kaum auszuhalten.

Zu meiner Depression kam also noch die Scham. Meine Beine mag ich bis heute nicht.

Eine Hassliebe. Mehr Hass als Liebe.

Als ich dann schwanger wurde, wurde mir mein Gewicht erst einmal egal.

Und nach Lottes Geburt nahm ich innerhalb von sechs Monaten 30 kg ab. Ich wog 50 kg. Ich war wieder schlank, dank Stillen und Stress mit dem Vater.

Denn Sport habe ich nie gemacht. Der Sportunterricht war mein Feind, Frau Schmidt ein Feldwebel allererster Güte. Ich heulte oft nach dem Sportunterricht, weil ich spüren konnte, dass ich für diese Frau ein Versager war. Sport und ich wurden nie Freunde.

Nun ist die Geburt von Motte über 8 Monate her und mein Gewicht stagniert. Ich trage Kleidergröße 38/40 und habe 80d. Ich nahm während dieser Schwangerschaft viel zu und habe an der Hüfte Dehnungsstreifen. Auch unter meinem Bauchnabel habe ich einige Striemen. Aber diese Zeichen stören mich nicht. Ich liebe sie. Sie zeigen, dass mein Körper zwei Kinder ins Leben getragen hat, sie genährt und beschützt hat.

Mein Körper stört mich, ich fühle mich nicht wohl. Mir fehlt mein androgynes Aussehen, meine winzigen Brüste, meine schmale Taille und meine dünnen Beine.

Nach dem Wochenbett mit Motte habe ich angefangen etwas Sport zu treiben und hasste es. Nachdem mein Knie verletzt wurde, sah ich es als dankbare Ausrede eine Pause einzulegen. Und die Pause dauert an.

Und nun war ich heute Kleidung kaufen.  Ich habe zum Geburtstag einen Gutschein für ein Bekleidungsgeschäft bekommen und nahm heute die Gelegenheit war, mir etwas neues zu gönnen. Ich kaufte mir ein T-Shirt, einen Bh und einen sehr locker fallenden Pullover. Da ich die Sachen ungerne im Laden anprobiere, machte ich das eben zu Hause.

Ich sah im T-Shirt aus wie eine Presswurst. Der locker fallende Pullover saß körperbetont und der Bh… Ich stand vor dem Spiegel und war den Tränen nahe. Ich gefiel mir nicht. Ich gefalle mir nicht. Mein Körper ist nicht ich.

Ich habe jetzt lange versucht, mich mit meinem weiblichen (das was man als weiblich ansieht) Körper anzufreunden. Meinen Körper positiv zu betrachten.

Aber das bin nicht ich. So gefalle ich mir nicht und das ist okay. Ja ich trage Normalgröße aber für mich sind meine Brüste zu groß, meine Taille nicht schmal, meine Beine zu breit.

Ich werde nach zwei Geburten wahrscheinlich nie wieder in xs passen, meine Hüfte ist breiter geworden und das ist okay. Aber ich muss meinen Körper soweit hinkriegen, dass ich wieder gerne nackt bin. Denn das bin ich gerade nicht. Ich verstecke mich unter Strumpfhosen, Cardigans, weiten Haremshosen. Und fühle mich beobachtet und bewertet.

Von nichts kommt nichts.

Ich ernähre mich pflanzlich. Aber ich esse furchtbar gern fettig. Und ich esse gerne. Dazu zocke ich gerne. Es gibt für mich nichts schöneres als abends zu naschen und dabei zu spielen oder fern zu sehen.

Also muss ich anfangen Sport zu machen. Ich muss mehr verbrauchen als ich zu mir nehme. Sonst wird das nichts und ich werde unzufriedener. Und da hilft mir Bodypositivity kein Stück weiter.

Für mich heißt es, meine Gewohnheiten zu verändern. Wege zu finden, mehr Bewegung in meinen Alltag einzubauen.

Ich möchte abnehmen. Der beste Zeitpunkt dafür ist jetzt. Damit ich nicht mehr vor dem Spiegel stehe und mich unwohl fühle.

Vor Lotte mitten in der Depression, nach Lottes Geburt und heute mit Motte auf dem Arm.
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2 Kommentare zu „Mein Body nicht positiv

  1. Uff. Das ist so ein schweres Thema. Was man wirklich gerade deshalb vielleicht mal diskutieren sollte…

    Ich kann deinen Text nachvollziehen. Obwohl ich nie nur 50kg gewogen habe, sondern seit ich 14 bin immer zwischen 60 und 70.

    Aber es geht mir auch so, dass mein Wohlfühlgewicht eigentlich bei ca. 62 kg liegt. Wir haben keine Waage, daher kann ich es nicht genau sagen – aber wenn ich in Kleidergröße 38 und Bundweite 30 nicht mehr passe, fühle ich mich nicht richtig wohl.

    Bzw. fühlte.

    Sport finde ich sogar OK, ich weiß nur tatsächlich nicht, wann ich das machen soll. Ich weiß, das klingt nach Ausrede, aber morgens noch früher aufstehen, um eine Runde joggen zu gehen? Das bekomme ich nicht hin. Es ist ja schon 6.15 Uhr. Abends schonmal gar nicht, da bin ich platt.

    Stattdessen habe ich angefangen, mich im Alltag bewusst mehr zu bewegen. Diese viel gepriesenen Kleinigkeiten: Treppe statt Aufzug, mit dem Fahrrad die Tochter zum Voltigieren fahren und auch zum einkaufen.

    Und ein bisschen gesunder ernähre ich mich auch. Ich stehe morgens tatsächlich 5 Minuten früher auf, um mir Obst ins Müsli zu schnippeln, ich backe mein Vollkorn-Sauerteigbrot jetzt selbst (auch nur 5 Minuten), gehe am Montag vor der Arbeit zum Supermarkt, um mir Beeren und Aprikosen für die Woche zu kaufen. So nasche ich dann nicht so viel.

    Das sind alles Kleinigkeiten, aber sie machen, dass ich mich besser fühle. Auch wenn ich vielleicht nicht wirklich abnehme. Ich fühle mich gesund.

    Ich habe mir trotzdem gerade zwei Jeans in Bundweite 31 gekauft – ich muss mich nicht reinquetschen und die sitzen so viel besser als vorher. Manchmal gucke ich jetzt in den Spiegel und denke „gar nicht mal schlecht“.

    Ich will damit sagen: Ein bisschen kann man sich auch daran gewöhnen, dass ein 2Kinder-Mitte30-Körper nicht derselbe ist wie ein keine Kinder-Mitte20-Körper. Und: man muss es glaube ich sogar.

    Jetzt finde ich schwierig mir anzumaßen etwas zu deinem Gewicht zu sagen, das ist wie Tretminen-Slalom. Aber ich tue es trotzdem, weil es ja darum geht im Artikel… 50kg und gesund sein, mit maßvollem Sport und gesunder Ernährung, das klingt unmöglich. Deinen alten Körper zurückzugewinnen kann also kaum dein Ziel sein.

    Trotzdem musst du dir auch nicht sagen „ist halt wie es ist, Body positivity und fertig“.

    Das hab ich versucht mit meinem Beispiel zu sagen: Ich denke, der Weg liegt dazwischen. Ein bisschen Sport, ein bisschen Obst statt Schokolade, das Gefühl den eigenen Körper gut zu behandeln. Und dann würde ich hoffen, magst du ihn irgendwann auch wieder, auch wenn es nicht dein alter Körper ist.

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  2. Bodypositivity vs Bodyshaming. Bis vor kurzem kannte ich diese Modewörter gar nicht. Und ich finde auch, ich kann sie getrost wieder vergessen.
    Ich hoffe, du findest bald ein Stück Gelassenheit, was diese Dinge betrifft. Alles Liebe 🙋

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