Brief aus der Zukunft – Geburtsdystopie

Vor 30 Jahren war es wohl anders, erzählt meine Mutter. Sie freut sich zwar für mich aber sie wirkt auch irgendwie bedrückt, wenn sie von früher erzählt.

Ich bin schwanger und erwarte mein erstes Kind. Das ich schwanger bin, wusste ich praktisch sofort. Durch die morgendliche Urinanalyse der Toilette. Man pullert und erfährt alles mögliche. So auch eben von der Schwangerschaft.

Es war aber auch keine Überraschung, wurde doch dem Antrag meines Partners und mir stattgegeben. Mir wurde nach dem erfolgreichen Gentest das Hormonimplantat aus dem Oberarm entfernt, welches ich alle drei Jahre seit meiner ersten und einzigen Periode eingesetzt bekomme um ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Wir dürfen ein Baby bekommen. Wir sind beide gesund, haben beide unbefristete Verträge und sind die nötige Zeit miteinander verbunden. Verheiratet sind wir nicht, das ist heutzutage nicht mehr nötig aber auch meine Eltern waren nicht miteinander verheiratet. Meine Mutter erzählt, dass meine Oma noch heiraten musste, als sie mit ihr schwanger war. Heute muss man nur nachweisen, dass man länger als drei Jahre zusammen ist um den Antrag auf eine gemeinsame Familie stellen zu können.

Um eine Erlaubnis für eine Schwangerschaft zu bekommen müssen beide Partner zuallererst einen Gentest machen lassen. Meine Mutter erzählt, dass man früher einfach schwanger werden konnte wie man wollte und es in der Schwangerschaft Tests gab, die kontrollieren sollten, ob das Baby gesund und fehlerfrei ist. War das Baby krank oder behindert, durfte man es abtreiben, was einfach bedeutet, dass man die Schwangerschaft abbrechen konnte und es neu versuchen durfte. Island war das erste Land, in dem kein Baby mehr mit Trisomie 21 auf die Welt kam. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Länder dazu.

Heute muss man sich testen lassen. Wenn man irgendwelche schlummernden Erbkrankheiten hat, bekommt man keine Erlaubnis. Behinderungen gibt es nicht mehr. Alle Babys, die heute geholt werden, sind hundertprozentig fehlerfrei.

„Fehlerfrei“, meine Mutter rümpft bei diesem Ausdruck die Nase. Sie erzählt, dass es damals schon Debatten darüber gab, wie weit die Medizin gehen darf. Ob es unverantwortlich ist, ein behindertes Kind zu bekommen oder egoistisch, wenn man sich für den Abbruch entscheidet. Sie fragt “wo fangen Fehler an?” Diese Frage stellt sich heute nicht mehr. Selbst wenn der Gentest eine Schwangerschaft erlaubt und es trotzdem Auffälligkeiten gibt, wird es als „Fehlgeburt“ gezählt. Keine Debatte, kein Nachdenken. Ich habe Kolleginnen, die in der 15 SSW nach der Feindiagnostik eine „Fehlgeburt“ hatten.

Während die Zahl der Fehlgeburten gestiegen ist, ist die Anzahl behinderter oder kranker Babys auf null gesunken.

Früher, erzählt meine Mutter, früher konnte man sich eine Hebamme suchen, die die Schwangerschaft und wenn man denn wollte, auch die Geburt begleitet. Sie erzählt mir, wie sie mich in einer Gebärwanne in der Klinik geboren hat und meine Schwester zu Hause nur mit meinem Vater und der Hebamme.

Hebammen gibt es zwar heute auch noch aber ihre Leistung ist für mich nicht bezahlbar. Eine Hebammenbetreuung ist Luxus und wird von den Krankenkassen nicht übernommen. Für Frauen, die sich keine Hebamme leisten können, bleibt nur eine Möglichkeit. Ein Kaiserschnitt. Schon beim ersten Kontrolltermin nahm der Gynäkologe seinen Terminkalender und suchte sich die 37te Schwangerschaftswoche raus. Die meisten Babys kommen heute in der 37ten Woche auf die Welt. So gibt es keine Überraschungen. Man bekommt einen Termin für den Kaiserschnitt, meldet sich an diesem Tag in der Entbindungsstation und hält wenige Stunden später sein Baby im Arm.

Meine Mutter erzählt, dass man sich früher aussuchen konnte wie und wo man sein Baby bekommt. Man hatte die freie Wahl, deswegen hat sie sich bei meiner Schwester für eine Hausgeburt entschieden. Sie erzählt, wie die Krankenhäuser damit warben, besonders stillfreundlich zu sein oder ihre Kreißsäle schön herrichteten, damit die Frauen sich für diese Klinik entscheiden. Sie hat sich für das Krankenhaus entschieden, in dem eine Wassergeburt möglich war, damit ich einen sanften Einstieg in die Welt bekam. Sie erzählte mir, dass es Geburtshäuser gab, in denen es nur Hebammen gab. Und dann erzählte sie mir, wie es sich langsam veränderte. Wie die Versicherungsprämien für Hebammen immer höher wurden und viele Hebammen aufhörten. Wie schwer es wurde überhaupt eine Hebamme zu finden. Wie Geburtshäuser schlossen. Sie erzählt, dass man ab dem errechneten Geburtstermin jeden Tag zum Gynäkologen fahren musste um sich untersuchen zu lassen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wurde die Geburt eingeleitet.

Sie erzählt mir, wie Leute, die niemals schwanger gewesen sind, über Geburten und Schwangerschaften entschieden. Sie erzählt mir, wie leise das alles vonstatten ging. Über Artikel, die sie gelesen hat, dass Frauen mit Wehen von Krankenhäusern abgewiesen wurden, weil es keine Hebammen gab. Wie Frauen von Nordseeinseln aufs Festland ziehen mussten und wie die ersten Babys unter der Geburt starben. Wie immer mehr Kreißsäle geschlossen wurden, weil Geburten nicht rentabel waren. Nicht planbar.

Heute gibt es diese Probleme nicht mehr. Mein Baby wird geplant geholt. Die Geburt an sich gibt es nicht mehr. Es heißt jetzt geplante Entbindung. Ein schneller Schnitt und außer einer Narbe bleibt nichts mehr.

Wenn ich eine vaginale Geburt haben möchte, muss ich das selbst finanzieren. Ich muss eine Klinik finden (Hausgeburten sind verboten), die im Zeitraum Kapazitäten hat und meine eigene Hebamme stellen. Ich muss den Kreißsaal mieten und würde eine Pauschale dafür zahlen, falls doch ein Kaiserschnitt notwendig wird. Auch die Wochenbettbetreuung gibt es so nicht mehr. Die, die es sich leisten können, holen sich die Betreuung nach Hause. Die anderen, die meisten, also auch ich, wir müssen in die Klinik dafür. Früher war die Wochenbettbetreuung eine Kassenleistung, diese wurde dann durch die Wochenbettambulanz “erweitert” und später ersetzt. Will man im Wochenbett zu Hause bleiben muss man es selbst zahlen.

Das sind Ausgaben, die höher sind als das was ich im Jahr verdiene und somit nicht tragbar. Wenn man an den Strand geht, sind die Frauen mit Kind und ohne Narbe am Bauch diejenigen, die sich diese Geburtsleistung leisten konnten. Ein sehr sichtbarer Schnitt durch die Gesellschaft.

Dann gibt es noch die Frauen, die illegal gebären. Frauen, die sich nicht auf einen Kaiserschnitt einlassen wollen und den Termin nicht wahrnehmen. Sie fahren meistens in den Urlaub, „verpassen“ die Rückkehr und bekommen ihre Kinder einfach so. Das Bußgeld, welches man für eine unerlaubte Geburt zahlen muss, zahlen sie gerne. Diese Frauen werden bewundert und verteufelt.

Wenn meine Mutter von früher erzählt, dann ist sie sauer und traurig. Sie trauert um die Tatsache, dass ich keine selbstbestimmte Geburt haben werde. Sie trauert, dass sie und so viele andere Frauen und Männer nicht laut genug waren um dagegen vorzugehen als Hebammen aufhörten und Kreißsäle schlossen. Sie ist sauer auf sich und auf die anderen Frauen und Männer, Mütter und Väter. Sie ist sauer, weil Kleinkriege wie eine Geburt zu laufen hatte wichtiger waren als das Selbstbestimmungsrecht der Frauen. Wie Frauen sich ankeiften, weil ein Wunschkaiserschnitt als egoistisch galt. Weil Schmerzmittel verpöhnt waren. Mommywars nannte man es spöttisch.

Ich freue mich auf mein Baby, ich freue mich darauf Mutter zu werden aber ich habe auch Angst vor der Operation und ihrer Folgen. Denn auch wenn die Entbindungen heute schnell laufen, planbar sind, so gibt es viele Fälle von Frauen, die ihr Baby danach ablehnen und die Schwangerschaft bereuen. Die Fälle postnataler Depressionen sind gestiegen. Die Frauen fühlen sich beraubt, können aber kaum artikulieren was ihnen genommen wurde.

Uns wird schon in der Schule beigebracht, dass ein Kaiserschnitt sicherer ist und eine vaginale Geburt hochrisikoreich. Und trotzdem geht es vielen danach schlechter. Man bekommt in solchen Fällen Glücklichmacher. Früher haben Frauen Briefe an Kliniken geschrieben und öffentlich über ihre Traumata gesprochen. Heute wissen wir nicht, worüber wir sprechen sollen. Es ist halt so.

Meine Mutter sagt, es geht nicht um das wie, sondern um das Mitspracherecht, welches uns genommen wurde. Sie sagt, auch ein Kaiserschnitt kann eine schöne und kraftvolle Erfahrung sein aber es muss eine Entscheidung sein, die die Frau selbst treffen muss. Sie müsste entscheiden, so wie früher. Eine Frau die entscheiden kann, ist frei.

Ich werde, wie so viele andere, keine Geburt erleben. Und ja, ich bin auch sauer auf meine Mutter. Denn sie hatte damals noch die Möglichkeit laut zu werden.

Warum hat sie nichts getan?

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In dreißig Jahren wird Lotte 33 Jahre alt sein. Ich frage mich, ob sie, wenn sie denn Kinder haben möchte, so gebären kann, wie es für sie passt. Mit ist es egal, ob sie zu Hause oder in der Klinik, ob Sie vaginal oder per Kaiserschnitt ihr Baby auf der Welt begrüßen wird. Das hier ist nur ein fiktiver Bericht aus einer Zukunft, in der es keine Geburten mehr gibt. Eine Mischung aus schöne neue Welt und 1984… wie wird es denn sein, in dreißig Jahren, wenn unsere Kinder selbst Kinder bekommen? Wird es Hebammen geben? Gibt es Fließbandgeburten?

Der Text ist bewusst böse. Er benutzt bewusst Worte wie “fehlerfrei”. Denn wo fängt es denn an? Erst bei genetischen Defekten oder auch schon bei Dingen wie Autismus?

Schließende, weil nicht rentable Kreißsäle sind heute schon Realität. Hebammenmangel ist heute schon Realität. Unter Wehen abgewiesene Frauen sind Realität.

Eine sichere und selbstbestimmte Geburt geht nicht nur uns heute etwas an. Sondern auch unsere Zukunft.

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